Kategorie: HolistEcon

  • Wie Sinn und Zweck unser Wohlbefinden beeinflussen

    Wie Sinn und Zweck unser Wohlbefinden beeinflussen

    (© Melanie Vogel) In einer zunehmend komplexen und globalisierten Welt suchen viele Menschen nach etwas Größerem – nach einem tieferen Sinn im Leben, nach Verbindung und Zielstrebigkeit. Eine umfassende Umfrage des McKinsey Health Institute (MHI) unter 41.000 Menschen aus 26 Ländern zeigt, dass spirituelle Gesundheit für viele eine zentrale Rolle spielt, unabhängig von Alter, Herkunft oder religiösem Glauben. Doch was genau bedeutet spirituelle Gesundheit, und warum ist sie für unser Wohlbefinden so wichtig?

    Was ist spirituelle Gesundheit?

    Spirituelle Gesundheit umfasst mehr als Religion oder Meditation. Sie beschreibt das Gefühl von Sinnhaftigkeit im Leben, eine Verbindung zu etwas Größerem und ein starkes Gefühl der Zielstrebigkeit. Diese Aspekte können in verschiedenen Kontexten gefunden werden: in Gemeinschaften, in einer Berufung, im bewussten Erleben des gegenwärtigen Moments oder auch in spirituellen Praktiken. Wer seine spirituelle Gesundheit aktiv pflegt, berichtet häufig von positiven Auswirkungen auf die mentale, soziale und körperliche Gesundheit.

    Regionale und generationale Unterschiede

    Die Wahrnehmung und Bedeutung von spiritueller Gesundheit variiert stark über Länder und Generationen hinweg. Laut der MHI-Umfrage bewerten mehr als 80 % der Befragten in Ländern wie Brasilien, Indonesien, Nigeria und Vietnam die spirituelle Gesundheit als „sehr“ bis „äußerst wichtig“. Im Gegensatz dazu liegt dieser Wert in Ländern wie Irland, den Niederlanden und Schweden unter 45 %. Auch zwischen den Generationen gibt es Unterschiede: Gen Z, die jüngste untersuchte Generation, berichtet deutlich häufiger von Herausforderungen im Bereich der spirituellen Gesundheit als ältere Generationen. Etwa ein Drittel der Gen-Z-Befragten gab an, keinen Lebenssinn zu spüren.

    Warum ist spirituelle Gesundheit so wichtig?

    Menschen mit schlechter spiritueller Gesundheit haben oft Schwierigkeiten in anderen Bereichen ihres Lebens. Die Umfrage zeigt, dass Personen mit schlechter spiritueller Gesundheit bis zu viermal seltener von guter mentaler Gesundheit berichten. Sie sind zudem doppelt so häufig von schlechter sozialer oder körperlicher Gesundheit betroffen. Besonders bei Gen Z, die sich in einer Lebensphase des Übergangs und der Selbstfindung befindet, wirkt sich das Fehlen von Sinn und Ziel negativ auf das Wohlbefinden aus.

    Wie können wir spirituelle Gesundheit fördern?

    Die Pflege der spirituellen Gesundheit beginnt oft mit Reflexion: „Was gibt meinem Leben Sinn?“ oder „Wie trage ich zum Wohl anderer bei?“ sind Fragen, die zu einem tieferen Verständnis führen können. Arbeitgeber, Gemeinschaften und öffentliche Einrichtungen können ebenfalls einen Beitrag leisten, indem sie Raum für Sinnsuche schaffen. Beispielsweise können Unternehmen durch sinnstiftende Missionen oder Möglichkeiten für pro bono Arbeit die spirituelle Gesundheit ihrer Mitarbeiter unterstützen.

    Auch der Zugang zu natürlichen oder grünen Räumen, die zur Reflexion anregen, kann die spirituelle Gesundheit stärken. Gleichzeitig sollten wir Stigmata abbauen, die oft mit der Diskussion über spirituelle Themen verbunden sind.

    Der Arbeitsplatz als Ort der Sinnfindung

    Besonders für jüngere Generationen spielt der Arbeitsplatz eine entscheidende Rolle. Zwei Drittel der Gen-Z-Befragten gaben an, dass Aspekte wie ein klarer Unternehmenssinn und die Möglichkeit, sich sozial zu engagieren, bei der Wahl eines Arbeitgebers wichtig sind. Doch gleichzeitig betont die Studie, dass der Arbeitsplatz nicht der einzige Ort der Sinnsuche sein muss. Freiwilligenarbeit, künstlerisches Schaffen oder die Familie können ebenfalls bedeutende Quellen der Spiritualität sein.

    Fazit: Eine ganzheitliche Sicht auf Gesundheit

    Spirituelle Gesundheit ist ein zentraler Bestandteil unseres Wohlbefindens – ebenso wichtig wie körperliche, mentale und soziale Gesundheit. Sie ist eine Reise, die uns ein Leben lang begleiten kann. Indem wir Gespräche über Sinn und Zielstrebigkeit fördern, können wir nicht nur unsere eigene Gesundheit verbessern, sondern auch die unserer Gemeinschaften. Der erste Schritt beginnt damit, die Bedeutung der spirituellen Gesundheit anzuerkennen und Raum für Reflexion zu schaffen.

    Sprechen Sie mich gern an, wenn Sie hierbei Unterstützung benötigen.
    Über 200 Themen und flexible Weiterbildungsformate helfen, einen Zugang zu spiritueller Gesundheit zu erhalten.

  • Die transformative Kraft des Staunens

    Die transformative Kraft des Staunens

    (© Melanie Vogel) Das Gefühl des Staunens – ausgelöst durch beeindruckende Erlebnisse wie Naturwunder, Kunst oder Momente großer Menschlichkeit – kann uns emotional tief berühren. Wissenschaftler untersuchen seit 15 Jahren diese komplexe Emotion und decken zunehmend auf, wie Staunen unser Leben positiv beeinflussen kann. Hier sind acht Gründe, warum Staunen uns glücklicher, gesünder und verbundener macht:

    1. Staunen verbessert die Stimmung und Lebenszufriedenheit

    Studien zeigen, dass das Erleben von Staunen Stress abbauen und das Wohlbefinden steigern kann. Ob durch einen Spaziergang in der Natur oder das Anschauen beeindruckender Videos – solche Momente können unsere Lebenszufriedenheit erhöhen.

    2. Staunen stärkt die Gesundheit

    Eine Studie zeigt, dass Menschen, die häufiger Staunen erleben, niedrigere Entzündungswerte (Interleukin-6) aufweisen. Dies könnte langfristige gesundheitliche Vorteile bieten, auch wenn der genaue Zusammenhang noch erforscht wird.

    3. Staunen fördert kritisches Denken

    Staunen macht uns weniger anfällig für schwache Argumente und fördert wissenschaftliches Verständnis, wie Experimente und theoretische Arbeiten zeigen. Kinder, die durch faszinierende Phänomene beeindruckt werden, entwickeln oft ein tieferes Verständnis der Welt.

    4. Staunen reduziert Materialismus

    Menschen, die Staunen erleben, legen weniger Wert auf materielle Dinge und schätzen Erlebnisse mehr. Dieses Phänomen könnte mit der Selbsttranszendenz zusammenhängen, die durch Staunen inspiriert wird.

    5. Staunen macht bescheiden

    Das Gefühl der eigenen Kleinheit im Angesicht des Größeren der Welt führt zu Demut. Studien zeigen, dass Menschen nach dem Erleben von Staunen ihre Stärken und Schwächen realistischer einschätzen und äußere Einflüsse auf ihre Erfolge anerkennen.

    6. Staunen schafft das Gefühl von mehr Zeit

    Menschen, die Staunen empfinden, erleben Zeit als expansiver und weniger begrenzt. Sie fühlen sich weniger gestresst und sind eher bereit, ihre Zeit für andere einzusetzen.

    7. Staunen fördert Großzügigkeit und Kooperation

    Studien zeigen, dass Menschen, die Staunen erleben, hilfsbereiter und großzügiger sind. Sie fühlen sich stärker mit anderen verbunden und richten ihren Fokus weniger auf sich selbst.

    8. Staunen stärkt die Verbundenheit mit anderen und der Menschheit

    Staunen lässt uns unsere Rolle als Teil eines größeren Ganzen erkennen. Es schafft das Gefühl, mehr mit der Gemeinschaft und der Menschheit verbunden zu sein – ein Effekt, der je nach Kultur unterschiedlich ausgeprägt sein kann.

    Fazit

    Das Staunen ist ein machtvolles Werkzeug, um unser Leben zu bereichern. Wissenschaftler stehen noch am Anfang, die volle Tiefe dieser Emotion zu verstehen, doch das Potenzial für persönliches und gesellschaftliches Wachstum ist groß. Nehmen Sie sich Zeit, um bewusst nach Momenten des Staunens zu suchen – Ihr Leben wird es Ihnen danken.

    Sprechen Sie mich gern an, wenn Sie Ihrer Belegschaft das Staunen ermöglichen möchten.
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  • Zukunft der Führung: Die 6 wichtigsten Leadership-Trends

    Zukunft der Führung: Die 6 wichtigsten Leadership-Trends

    (© Melanie Vogel) Die Welt hat sich in den letzten 24 Monaten stärker verändert als in den vergangenen 24 Jahren. Was früher funktionierte, wird in Zukunft nicht mehr genügen. Wie wir heute leben, arbeiten und Menschen führen, benötigt heute grundlegend andere Parameter als früher. Die Covid-Krise hat natürlich vieles verändert, aber darüber hinaus haben technologische Fortschritte, der Ruf nach Transparenz, der Fokus auf Mitarbeitererfahrungen, globale Verwerfungen, das steigende Bedürfnis nach Sinn und Zweck oder auch der demografische Wandel eine Welt geschaffen, die für die etwas älteren Generationen kaum noch wiederzuerkennen ist. Und die Geschwindigkeit, mit der sich die Arbeitswelt auch in Zukunft verändert, wird weiter zunehmen.

    Die Kernfrage lautet: Was braucht es, um in einer Welt zu führen, die es noch nicht gibt? Entscheidend ist es, neue Fähigkeiten und Denkweisen zu entwickeln, die dieser VUCA-Welt angemessen sind. Leider sind die meisten Unternehmen und Führungskräfte nicht darauf vorbereitet, in dieser sich schnell verändernden Welt Menschen mitzunehmen und anzuleiten. Sechs Leadership-Trends spielen hier eine entscheidende Rolle. Wer sie beherrscht, ist im Vorteil.

    Trend #1: KI und Technologie

    Technologie gestaltet jeden Aspekt der Führung neu. Von KI-gestützten Entscheidungen bis hin zur Verbreitung digitaler Tools: Führungskräfte müssen diese Veränderungen verstehen und annehmen. KI ermöglicht es Unternehmen, auf Remote-Arbeit umzustellen und Abläufe zu optimieren. Die rasante Entwicklung der Technologie bringt jedoch auch Herausforderungen mit sich, darunter die Angst der Mitarbeiter vor Austauschbarkeit und der Bedarf an kontinuierlicher Weiterbildung. Führungskräfte müssen keine Technologieexperten sein, sollten aber die Grundlagen neuer Tools verstehen und ein Umfeld des Vertrauens und der Innovation schaffen.

    Was Sie jetzt tun können:

    • Entwickeln Sie die menschliche Seite der Führung, indem Sie Empathie üben, Beziehungen aufbauen und Kommunikation priorisieren.
    • Informieren Sie sich über technologische Fortschritte in verschiedenen Branchen – vor allem hinsichtlich der KI-Entwicklungen.
    • Experimentieren Sie mit neuen Technologien, um sich damit vertraut zu machen.

    Trend #2: Die Beschleunigung des Wandels

    Die Geschwindigkeit des Wandels war noch nie so hoch und nimmt weiter zu. Trends, Produkte und Prozesse entwickeln sich im Rekordtempo. Führungskräfte müssen den Ton angeben, indem sie Agilität, Anpassungsfähigkeit und die Bereitschaft zur Hinterfragung des Status quo vorleben. Wer sich dem Wandel widersetzt, riskiert, zurückzufallen.

    Was Sie jetzt tun können:

    • Probieren Sie regelmäßig neue Ideen und Ansätze aus.
    • Begrüßen Sie Unsicherheiten und treffen Sie mutige Entscheidungen ohne Angst.
    • Beobachten Sie die Trends, die Ihre Branche und Organisation prägen.

    Trend #3: Die Wichtigkeit von Sinn und Zweck

    Mitarbeiter legen zunehmend Wert auf Sinn und Zweck in ihrer Arbeit. Das Gehalt allein reicht nicht mehr aus. Sie wollen vielmehr auch die Auswirkungen ihrer Bemühungen sehen und zu einer größeren Mission beitragen. Führungskräfte spielen eine Schlüsselrolle dabei, eine Kultur zu schaffen, die Sinn stiftet, indem sie die Ziele der Organisation mit den individuellen Beiträgen der Mitarbeiter in Einklang bringen.

    Was Sie jetzt tun können:

    • Reflektieren Sie über Ihren eigenen Zweck und wie er mit Ihrer Rolle übereinstimmt.
    • Verstehen Sie die Motivation Ihres Teams und helfen Sie ihnen, ihre Arbeit mit einem größeren Ziel zu verbinden.
    • Bauen Sie Beziehungen auf, die es den Mitarbeitern ermöglichen, Sinn in ihrer Arbeit zu finden.

    Trend #4: Wissenserwerb und Wissensweitergabe

    Organisationen stehen einem sich rasch wandelnden Talentmarkt gegenüber, geprägt von Generationenvielfalt, Fachkräftemangel und dem Ausscheiden der Babyboomer aus dem Erwerbsleben. Führungskräfte müssen sich an diese Dynamiken anpassen und nicht nur Arbeitsplätze schaffen, in denen sich Mitarbeiter wertgeschätzt und integriert fühlen, sondern in denen es auch sichere Prozesse von Wissenserwerb und Wissensweitergabe gibt.

    Was Sie jetzt tun können:

    • Stellen Sie vor allem altersdiverse Teams zusammen und sorgen Sie dafür, dass Wissen offen und transparent geteilt wird.
    • Engagieren Sie sich in Mentorenprogrammen, um gegenseitiges Lernen und Wachstum zu fördern.
    • Bilden Sie sich selbst und Ihr Team kontinuierlich weiter, um in einer sich wandelnden Arbeitswelt wettbewerbsfähig zu bleiben.

    Trend #5: Moral, Ethik und Transparenz

    Die Zeit egozentrischer Führung ist vorbei. Heute müssen Führungskräfte Bescheidenheit, Authentizität und Transparenz verkörpern. Ethische Führung fördert nicht nur Vertrauen, sondern sorgt auch für bessere finanzielle und betriebliche Ergebnisse. Mitarbeiter und Stakeholder fordern Führungspersönlichkeiten, die verantwortungsbewusst und offen sind.

    Was Sie jetzt tun können:

    • Definieren Sie Ihre persönlichen Führungswerte und Ihren ethischen Kodex.
    • Seien Sie transparent mit Ihrem Team und fördern Sie offene Dialoge.
    • Setzen Sie sich für eine Kultur der Ehrlichkeit und Verantwortlichkeit in Ihrer Organisation ein.

    Trend #6: Globalisierung vs. Lokalität

    Mit zunehmender Vernetzung operiert jedes Unternehmen in einem globalen Umfeld und muss dennoch gleichzeitig die lokalen Gegebenheiten berücksichtigen. Kulturelle Unterschiede, geopolitische Komplexitäten, lokale und regionale Besonderheiten sowie die Chancen und Herausforderungen internationaler Märkte müssen gemeistert werden.

    Was Sie jetzt tun können:

    • Erweitern Sie Ihr Wissen über globale Trends und Kulturen.
    • Bereiten Sie Ihr Team darauf vor, effektiv in interkulturellen Umgebungen zu arbeiten.
    • Fördern Sie globales Bewusstsein und Anpassungsfähigkeit in Ihrem Führungsstil.

    FAzit

    Führung heute erfordert eine Mischung aus Agilität, Empathie und Vision – Eigenschaften, die, wenn sie kultiviert werden, Organisationen auf beispiellose Weise voranbringen können.

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    Über 200 Themen und flexible Weiterbildungsformate helfen, den neuen Führungs-Spagat zu managen.

  • Technologie und Menschheit im Wandel: Ist unsere Anpassungsfähigkeit gefährdet?

    Technologie und Menschheit im Wandel: Ist unsere Anpassungsfähigkeit gefährdet?

    (© Melanie Vogel) Seit Jahrhunderten hat die Technologie die Welt verändert, doch in jüngster Zeit geschieht dies in einem beispiellosem Tempo. Die Frage drängt sich auf, ob die Menschheit mit diesem Wandel noch Schritt halten kann. Haben wir Gesellschaften geschaffen, die zu komplex und schnelllebig geworden sind? Was passiert, wenn Veränderungen so schnell erfolgen, das sich die unterschiedlichen Systeme nicht mehr auf natürliche Weise anpassen kann? Sicher scheint: Alle heute lebenden Generationen sind Teil eines riesigen Experiments, was die Flexibilität und Stabilität menschlicher Gesellschaftsordnungen angeht. Ist unsere Anpassungsfähigkeit in Gefahr?

    Der Homo sapiens entwickelte sich vor etwa 300.000 Jahren als eigenständige Art. Während hunderttausende von Jahren die Entwicklung langsam erfolgte, erleben wir seit rund 250 Jahren ein immer schnellere Tempo der techno-sozialen Entwicklung, die nun Fragen über die Anpassungsfähigkeit der Menschheit aufwirft.

    Gemessen in Generationen (wenn wir voraussetzen, dass jede Generation 20 Jahre dauert) gab es etwa 15.000 Generationen vor uns gab. Das wirklich Bemerkenswerte daran ist nicht die Zahl an sich, sondern die Tatsache, dass die Welt, die jede dieser Generationen erlebte, erstaunlich statisch war. Im Allgemeinen unterschied sich das „technisch-soziale“ Universum, in dem unser 9045. Urgroßelternteil lebte, nicht sehr von dem, in dem unser 9.046. Urgroßelternteil lebte. Das Gleiche gilt für die überwiegende Mehrheit der Generationen nach ihnen.

    Diese Art von Stillstand von Generation zu Generation ist aktuell jedoch eindeutig nicht mehr gegeben. Stattdessen leben wir in einer Welt des schnellen Wandels, der von der Technologie angetrieben wird und eine technisch-soziale Welt von atemberaubender Komplexität hervorgebracht hat.

    Ist das ein Problem? Haben wir eine Welt geschaffen, die zu komplex und schnelllebig ist?

    Die Umstellung auf Landwirtschaft und die Domestizierung von Tieren vor etwa 9.000 Jahren trieb die Menschen dazu, sesshafte Gesellschaften zu gründen. Diese Gesellschaften wuchsen mit den Nahrungserträgen, die Ackerbau und Viehzucht ermöglichten. Auf diese Weise wurden Siedlungen zu Dörfern, Dörfer zu Städten und Städte zu Imperien bzw. heutigen Mega-Cities. Mit jedem Entwicklungsschritt haben die menschlichen Gesellschaften sowohl an Größe als auch an Komplexität zugenommen.

    Komplexität kann auf viele Arten gemessen werden, aber eine der zielführendsten ist es, sich eine Gesellschaft als ein Netzwerk von Beziehungen vorzustellen. Als Jäger und Sammler in kleinen Gruppenverbänden lebten die Menschen in dem Netzwerk „Jeder kennt jeden“. Doch als die Gesellschaften größer wurden, änderte sich die Topologie. Es gab zwar immer noch lokale soziale Netzwerke, aber diese wurden in größere Beziehungsnetze eingebettet, die alles – von der Regierungsverwaltung bis zum Handel – abdeckten. Doch obwohl diese „zivilisatorischen“ Netzwerke komplexer waren als die, in denen Menschen vor 100.000 Jahren lebten, war das Tempo des Wandels immer noch langsam.
    Wenn wir im Jahr 97 n. Chr. irgendwo im Römischen Reich lebten, benutzten wir wahrscheinlich die gleichen Werkzeuge wie unsere Großmutter oder unser Großvater. Auch die Regeln dieser sozialen Netzwerke änderten sich nur langsam. Die meisten Generationen erlebten im Laufe ihres Lebens keinen radikalen sozialen Wandel, es sei denn, eine Eroberungsarmee veränderte die Regeln des Zusammenlebens.

    Techno-soziale Evolution

    Aktuell jedoch vollzieht sich das Tempo bedeutender technologischer und sozialer Veränderungen innerhalb von Bruchteilen eines einzigen Menschenlebens. Überlegen Sie, wie viele Iterationen des Telefons Sie gesehen haben. Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als Telefone über ein Kabel mit der Wand verbunden waren. Heutzutage schreitet die Technologie so schnell voran, dass wir alle alle paar Jahre gezwungen sind, ein neues Telefon zu kaufen, weil die alten einfach nicht mehr mithalten können.

    Telefone sind nur ein Aspekt unserer technologischen Netzwerke, die sich radikal verändert haben. Noch tiefgreifender als das Telefon haben soziale Medien und andere digitale Plattformen die Werte und Normen unseres Zusammenlebens und der Kommunikation gewandelt. Von Dating-Apps bis hin zur rasanten Verbreitung politischer Desinformation: Das Verhalten der Menschen hat sich in einem Zeitraum, der nicht mehr als ein Jahrzehnt beträgt, immer wieder verändert.

    Jedes System verfügt über inhärente Zeitskalen für Änderungen. Diese Zeitskalen basieren auf den „Gesetzen“ des Systems, seinen internen Ordnungsregeln. Wenn es sich bei dem System um eine Ansammlung von Planeten handelt, die einen Stern umkreisen, gelten die Gesetze der Schwerkraft und des Drehimpulses. Wenn es sich bei dem System um ein Nahrungsnetz in einem Teich handelt, kann die Zeitskala darauf basieren, wie lange es dauert, bis Wasser von einem Ende zum anderen fließt. Ein System kann sich in der Regel anpassen, wenn die inhärente Zeitskala des Systems nicht verändert wird. Als Reaktion auf diese Veränderungen wird es weder explodieren, noch auseinanderfallen.
    Doch was passiert, wenn die Änderungen den inhärenten Zeitrahmen sprengen, Veränderungen also so schnell erfolgen, das sich das System nicht mehr auf natürliche Weise anpassen kann? Was ist der inhärente Zeitrahmen für die Netzwerke, aus denen unsere menschliche technisch-soziale Welt besteht? Die logische Antwort müsste lauten: ungefähr ein Menschenleben (also etwa ein Jahrhundert).

    Aktuell treiben wir jedoch starke Veränderungen in Zeiträumen voran, die weniger als eine einzige Generation betragen. Ist das zu schnell? Ist das Tempo des technologischen Wandels – gepaart mit den Auswirkungen, die diese Veränderungen auf die soziale Organisation (d.h. die Regeln des Netzwerks) haben – mittlerweile zu schnell, als dass unsere Systeme sie absorbieren könnten?

    Ich kann die Frage nicht beantworten. Sicher scheint jedoch Folgendes: Alle heute lebenden Generationen sind Teil eines riesigen Experiments, was die Flexibilität und Stabilität menschlicher Gesellschaftsordnungen angeht. Das Überleben unserer Zivilisation hängt davon ab, wie dieses Experiment verläuft.

  • Video: Kondratieff in 70 Sekunden

    Video: Kondratieff in 70 Sekunden

    Die Kondratieff-Zyklen beschreiben eine zyklische Wirtschaftsentwicklung, die sogenannten “Langen Wellen der Konjunktur“. Ein Zyklus dauert zwischen 50 und 70 Jahre. Alle Indikatoren deuten darauf hin, dass wir uns momentan im Auslaufen des 5. Kondratieff-Zyklus (Informationszeitalter) befinden. In diesen Phasen des Übergangs von einem Zyklus in den nächsten ist die Welt VUCA – volatil, ungewiss, komplex und mehrdeutig.

    Genau jetzt öffnen sich riesige Möglichkeitsräume, die innovativ erschlossen werden können, denn die KERNFRAGE lautet: Was wird der potenzielle 6. Kondratieff sein? 

    Forscher, die sich mit der Frage befassen, vermuten: Zum ersten Mal in der Geschichte wird es keine einzelne sogenannte Basisinnovation sein, die den neuen Zyklus bestimmt, sondern im 6. Kondratieff wird der Mensch im Mittelpunkt stehen. Alle aktuellen Knappheiten und Produktivitätsengpässe, an denen sich ein Zyklus orientiert, sind entweder vom Menschen verursacht, oder drehen sich um die Tatsache, dass überall auf der Welt der gesunde, kreative, gut ausgebildete Mensch Mangelware ist.

    Folgt man der Idee, ergeben sich noch nie dagewesene Innovationsräume in allen Lebens- und Unternehmensbereichen. Eine neue Phase der Prosperität ist denkbar. Diese Möglichkeitsräume zu gestalten ist die große Herausforderung der Gegenwart.

    INNOVATION.DAY am 30. Juni 2023

    Möchten Sie lernen, wie man die Zeit des Übergangs von einem Kondratieff-Zyklus in den nächsten innovativ nutzen kann? Dann buchen Sie noch heute Ihre Teilnahme am Zukunftskongress INNOVATION.DAY. Am 30. Juni tauchen wir ein in den “6. Kondratieff” und die Veränderungswellen, die der Übergang von einem Wirtschafts- und Innovationszyklus in den nächsten hervorruft.

    >> Zum Kongress-Programm <<
  • Die Rückbesinnung auf das Wesentliche

    Die Rückbesinnung auf das Wesentliche

    (© Melanie Vogel) Fokus, Fokus, Fokus! Das ist das Mantra in vielen Unternehmen, die versuchen, in einer komplexen, dynamischen Welt den Überblick zu behalten. Doch worauf sollen wir den Fokus richten? Krisen sprießen wie Pilze aus dem Boden, genauso wie Chancen und Perspektiven. Das Neue und das Alte geben sich in einem atemberaubenden Tempo quasi die Türklinke in die Hand. Der eigene Nacken fühlt sich an wie nach einem Schleudertrauma, weil man gar nicht so genau weiß, wohin man seinen Blick und seine Aufmerksamkeit als nächstes richten soll.

    Wir können nicht Fokussieren, wenn wir nicht wissen, worauf wir unsere Gedanken lenken sollen. Wir können nicht bei uns bleiben, wenn uns jede neue Information aus der Bahn wirft. Daher wird die Frage nach dem Wesentlichen immer relevanter. Was ist denn das, worum es wirklich geht?

    Prinzipiell wissen wir, dass wir nur dann erfolgreich sind, wenn wir aus den Informationsfluten das jeweils Wesentliche herausarbeiten, um Klarheit zu gewinnen. Doch tatsächlich haben wir nie wirklich gelernt, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen – oder die Existenz von der Essenz zu unterscheiden, so wie es Jean-Paul Sartre vorschlug.

    Essenz vs. Existenz

    Sartre vertrat die Auffassung, dass der Mensch zuerst in die Welt eintritt (existiert) und sich dann im Laufe seines Lebens definiert – also gewissermaßen seine Essenz findet, die Sinnhaftigkeit des eigenen Seins. Daraus ergibt sich die Grundidee des Existenzialismus, dass jeder Mensch „dazu verurteilt ist, frei zu sein“. Verurteilt, weil er – in die Welt geworfen, also mit einer Existenz „belastet“ – versuchen muss, das Beste aus dieser Existenz, die sich Leben nennt, zu machen.

    Übertragen auf die aktuelle Orientierung in einer komplexen Welt könnten wir schlussfolgern, dass wir zu jeder Zeit dazu verurteilt sind, das Wesentliche – die Essenz von allem – zu finden, weil nur das unsere Existenz (z. B. als Führungskraft oder Unternehmensinhaber) rechtfertigt.

    Damit wäre zwar die Frage der Verantwortung geklärt, jedoch noch immer nicht die Frage danach, was das Wesentliche ist – und woran wir es erkennen?

    Ein philosophischer Grundgedanke besagt, das Wesentliche ist das, was zu einem Wesen dazugehört, also das Sein konstituiert. Übertragen auf den aktuellen Kontext müssten wir uns folglich bei allem, was uns unternehmerisch wichtig und richtig erscheint, überprüfen, was dieses Wichtige ausmacht – also gewissermaßen charakterisiert. Und was von diesen Eigenschaften ist so essenziell, dass es unbedingt zu dem Seienden dazugehört? Wenn wir das herausarbeiten, haben wir – möglicherweise – das Wesentliche entdeckt.

    Zwischen Wirklichkeit und Fiktion

    Platon beantwortet die Frage des Wesentlichen mit der „Washeit“ – dem, was ganz konkret ist. Das Wesentliche ist das Unwandelbare und Unauflösliche und damit das Gegenstück zu dem, was erst noch werden kann. In die heutige Welt übertragen, würden wir bei der Frage nach dem Wesentlichen gewissermaßen zwischen Wirklichkeit und Fiktion unterscheiden. Wesentlich wäre das Reale, weil wir damit konkret umgehen und arbeiten können, während die Fiktion etwas Visionäres und Zukünftiges ist, das zwar sein könnte, aber noch nicht ist. Und da es noch nicht ist, brauchen wir uns damit aktuell auch (noch) nicht beschäftigen.

    Eine weitere philosophische Annäherung besteht darin, dass wir dem Wesentlichen „Substanz“ beimessen. Etwas, mit dem wir uns wesentlich beschäftigen, sollte also substanziell – und damit von Bedeutung – sein. Damit steht die Substanz im Gegenteil zur Akzidens, dem nicht Wesentlichen, dem, was sich verändert und vielleicht sogar zufällig ist. Diese Unterscheidung kann uns im aktuellen Kontext insofern helfen, als dass wir alles, was aktuell geschieht, auf Anomalien hin untersuchen können. Im Innovationskontext sind Anomalien eine Unterart von Zufällen, die man als „Serendipity“ bezeichnet. Als nicht Gewolltes, das sich im Nachgang aber dennoch als nützlich und somit als substanziell herausstellt.

    Und weil es jetzt langsam unübersichtlich wird, könnten wir uns der Kategorisierung nach Aristoteles behelfen, der einen Gegenstand in zehn Kategorien einteilte, um so herauszufinden, ob dieser Gegenstand etwas wesentlich Substanzielles an sich hat, oder in die Kategorie des Flüchtig-Zufälligen fällt.

    Die 10 Kategorien des Aristoteles:

    1. Substanz: Was ist etwas?
    2. Quantität/Größe: Wie viel/groß ist etwas?
    3. Qualität: Wie beschaffen ist etwas?
    4. Relation: Worauf bezieht sich etwas?
    5. Zeitbestimmung: Wann ist etwas?
    6. Ortsbestimmung: Wo/In welcher Position ist etwas?
    7. Tätigkeit: Was tut etwas?
    8. Erleiden: Was erleidet etwas?
    9. Lage: In welcher Lage ist etwas?
    10. Besitz: Wer hat etwas?

    Die Kategorien 2 bis 10 gehörten für ihn zur Akzidens, denn diese Aspekte können sich verändern. Etwas wird umso substanzieller, je geringer die Veränderungsdynamik der Kategorien 2 bis 10 sind.

    Wie Jeff Bezos das Wesentliche herausarbeitet

    An dieser Stelle springen wir jetzt einfach mal mutig einen großen Sprung in die Gegenwart und lernen von Jeff Bezos. Der ist zwar kein Philosoph, jedoch bezogen auf seine Unternehmensphilosophie sagte er einmal folgendes:

    „Ich bekomme sehr häufig die Frage gestellt: Was wird sich in den nächsten 10 Jahren ändern? Und das ist eine interessante Frage; sie ist sehr weit verbreitet. Ich bekomme jedoch fast nie die Frage gestellt: Was wird sich in den nächsten 10 Jahren nicht ändern? Und ich behaupte, dass diese zweite Frage eigentlich die wichtigere der beiden Fragen ist, denn Sie können eine Geschäftsstrategie nur um die Dinge herum aufbauen, die zeitlich stabil sind. Wenn man etwas hat, von dem man weiß, dass es langfristig Bestand hat, kann man es sich leisten, viel Energie darauf zu verwenden.“[1]

    Vor der Frage „Was ist das Wesentliche?“ ist die Antwort von Jeff Bezos unternehmerisch gesehen unter Umständen vielleicht diejenige, die am zielführendsten ist. Denn wozu sollen wir uns unternehmerisch mit Themen beschäftigen, die flüchtig sind und keinen Bestand haben? Was wäre, wenn wir uns unternehmerisch ausschließlich auf die Dinge fokussieren, die vermutlich auch in 10 Jahren noch Bestand haben werden? Welche werden das sein?

    Wenn wir die Frage beantworten wollen – und aktuell ist es eine der schwierigsten unternehmerischen Fragen überhaupt – können wir die philosophischen Annäherungen der letzten 2.000 Jahre an das Wesentliche zur gedanklichen Unterstützung heranziehen.

    • Was ist Existenziell und was ist die Essenz?
    • Was ist (z.B. für unsere Kunden) auch in 10 Jahren noch das wirklich Wichtige?
    • Was ist Wirklich und was sind Hirngespinste und kann unter Fiktion verbucht werden?
    • Was ist Substanziell und was ist vorübergehend?
    • Wo treffen wir auf Anomalien und haben diese eine substanzielle Bedeutung?

    Kostenfreies Schnupper-Webinar am 20. April

    Möchten Sie tiefer eintauchen, in das, was Wesentlich ist?
    Dann lassen Sie sich in meinem kostenfreien Schnupper-Webinar aus der Philotopia-Reihe inspirieren:

    Was ist das Wesentliche?
    20. April
    8:30 – 9:30 Uhr

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  • Muster im Chaos entdeckt

    Muster im Chaos entdeckt

    Eine riesige Menschenmenge mag chaotisch erscheinen. Mathematiker der britischen Universität Bath haben jedoch jetzt verborgene Muster entdeckt, die zeigen, dass Menschenmengen offenbar gar nicht so chaotisch sind, wie sie erscheinen.

    Wir Menschen scheinen uns selbst in den dichtesten Menschenansammlungen unbewusst in behelfsmäßige „Bahnen“ einordnen – und zwar so, als würden wir von einer unsichtbaren Kraft angezogen. Studienleiter Tim Rogers, Professors für mathematische Wissenschaften, entdeckte merkwürdige Phänomene, als sie ein Experiment durchführten, bei dem Freiwillige gebeten wurden, durch ein Labyrinth von Ein- und Ausgängen zu gehen, das dem Londoner Bahnhof King’s Cross nachempfunden war.

    Sie stellten fest, dass die Menge von Fußgängern, die versuchen, durch zwei Tore zu gehen, nur auf den ersten Blick ungeordnet erscheinen. Wenn man jedoch die Bewegungsabläufe untersucht, erkennt man die versteckte Struktur. Je nach Anordnung des Raums kann man entweder die klassischen geraden Fahrspuren oder komplexere gekrümmte Muster wie Ellipsen, Parabeln und Hyperbeln beobachten.

    Das Team um Tim Rogers destillierte die Daten zu einer Theorie, die am Ende genau vorhersagen konnte, ob die menschlichen „Bahnen“ in einer bestimmten Situation gerade oder gekrümmt sein würden.

    Bei ihrer Suche nach Antworten ließen sich die Mathematiker von der Theorie der Brownschen Bewegung inspirieren, die den zufälligen Fluss von Flüssigkeits- oder Gasmolekülen beschreibt, die in einem bestimmten Gebiet miteinander kollidieren. Sie fanden nämlich heraus, dass es für die Bildung der menschlichen „Bahnen“ offenbar kein bewusstes Denken braucht. Die Teilnehmer des Experiments waren sich nicht bewusst, dass sie sich in wohldefinierten mathematischen Kurven angeordnet hatten. Die Ordnung entstand vielmehr spontan, wenn sich zwei Gruppen mit unterschiedlichen Zielen in einem überfüllten Raum kreuzen und versuchen, nicht aneinander zu stoßen.

    Die Entdeckung verborgener mathematischer Muster – Ellipsen, Parabeln, Hyperbeln – in der menschlichen Bewegung könnte sich auf das interdisziplinäre Studium der “aktiven Materie” auswirken, welches das Gruppenverhalten in Populationen von Bakterienklumpen bis hin zu Tierherden untersucht. Die Bildung von Gassen wurde bereits an Zebrastreifen beobachtet, doch nun glaubt das Team in Bath, dass sich mathematische Formen in Schwärmen aller Arten oder sogar in unbelebten Einheiten wie geladenen Atomen oder Zellorganellen bilden könnten.

    >> Weitere Infos

    >> Pressemitteilung der Universität Bath

    INNOVATION.DAY am 30. Juni 2023

    Möchten Sie lernen, wie man systematisch Krisen und Chaos erkennen erkennen und innovativ nutzen kann? Dann buchen Sie noch heute Ihre Teilnahme am Zukunftskongress INNOVATION.DAY. Am 30. Juni tauchen wir ein in den “6. Kondratieff” und die Veränderungswellen, die der Übergang von einem Wirtschafts- und Innovationszyklus in den nächsten hervorruft.

    >> Zum Kongress-Programm <<
  • Was ist Hoffnung – und wer wagt es, zu hoffen?

    Was ist Hoffnung – und wer wagt es, zu hoffen?

    (© Melanie Vogel) Die Frage, ob Hoffnung hilfreich ist oder eher zur Verklärung krisenbehafteter Umstände verleitet, ist so alt ist wie die europäische Philosophiegeschichte selbst. Unterschiedliche Strömungen und Einstellungen ringen miteinander. Und so ist über die Jahrhunderte eine Kontroverse um den Begriff entstanden, der dazu geführt hat, dass Hoffnung als gelebte Tugend heute mehr oder weniger aus dem Alltag verschwunden ist. Den Mut zur Hoffnung bringt man in Zeiten von Rationalität und Logik kaum noch auf. Der aufgeklärte Mensch weiß, was er erwarten kann – oder auch nicht. Damit erübrigt sich jedes Wünschen auf bessere Zeiten.

    Die Kehrseite der Medaille ist: Wo Hoffnung schwindet, gräbt in unsicheren Zeiten Hoffnungslosigkeit tiefe Furchen in den Geist der Menschen. Und Hoffnungslosigkeit – das Fehlen von Zukunftsmut – ist der Anfangspunkt von Lethargie, Apathie, Phlegma. Hoffnungslosigkeit als Dauerzustand macht die Psyche krank.

    Der Mensch braucht Hoffnung, um sich selbst durch schwierige Zeiten hindurch navigieren zu können. Aaron Antonovsky hat in bahnbrechenden Untersuchungen in den 70er Jahren die Anpassungsfähigkeit von Menschen untersucht. Geleitet von der Frage „Was hält Menschen dauerhaft gesund?“ hat er eine Gruppe von Frauen befragt, die im zweiten Weltkrieg die Gefangenschaft im KZ überlebt hatten. Er fand heraus, dass die Gruppe der Frauen, die diese Zeit psychisch weitgehend unbeschadet überstand, drei wesentliche Komponenten aktivierte, die zueinander in Wechselwirkung stehen und entscheidend zur psychischen und physischen Stabilität beitragen: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit/Sinnhaftigkeit. Krisenresilient und damit anpassungsfähig ist, wer eine aktuell widrige Situation

    • verstehen kann, die Welt also insgesamt als stimmig empfindet
    • als händelbar wahrnimmt, d.h. Ressourcen und Fähigkeiten aktivieren kann, die helfen, die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen
    • als bedeutsam erlebt – und damit an den Sinn des eigenen Lebens glaubt.

    Antonovsky fasste die drei Komponenten unter dem Begriff des Kohärenzgefühls zusammen und stellte fest, dass insbesondere das Gefühl der Sinnhaftigkeit/Bedeutsamkeit bei den inhaftierten Frauen einen starken Zukunftsmut aktivierte, der auf der Hoffnung beruhte, wieder bessere Zeiten erleben zu werden.

    Über die Brücke des Kohärenzgefühl können wir uns dem optimistischen Aspekt der Hoffnung annähern, der nicht auf Naivität, Sorge oder Angst beruht, sondern das intrinsische Element des Glaubens beinhaltet, von dem man gemeinhin sagt, er könne Berge versetzen.

    Rechnen wir mit dem Schlimmsten und hoffen wir auf das Beste

    Wenn wir unseren Geist und unser Herz auf einen positiven Ausklang einer widrigen Situation richten und an das Gute glauben, verändern wir den Grundzustand unseres Seins. Wir erwarten nicht, dass ein bestimmts Ereignis in einer bestimmten Form eintritt, sondern wir hoffen, dass es so sein wird. Die Erwartung verengt, Hoffnung weitet das Herz. Die Hoffnung lässt den Weg zum Ziel offen. Raum für Wunder und Zufälle bleiben bestehen – und lassen uns auch in düsteren Zeiten hoffend hoffen.

    Hoffnung ist kein traumwandlerischer Dauerzustand, sondern wir hoffen so lange, bis sich die Hoffnung erfüllt und die widrige Ausgangssituation gelöst hat. In dieser Zeit der Hoffnung bleiben wir nicht untätig und dem Leben gegenüber gleichgültig. Das Beispiel der von Antonovsky befragten Frauen zeigte das sehr deutlich. Sie waren nicht naiv. Sie wussten, in welch prekärer, lebensbedrohlichen Situation sie sich befanden. Sie rechneten täglich mit dem Schlimmsten – und hofften doch auf das Beste. Und in diesem Hoffen lagen kostbare Momente des Lebens, denn die hoffnungsvollen Gefangenen nahmen sehr bewusst am Leben im KZ teil. Sie erfreuten sich an kleinen Dingen – beispielsweise an einem Lächeln, das zu einem kurzen Moment von innerem Frieden und Glück führte.

    Hoffnung ist also keine Vermeidungsstrategie, den Widrigkeiten des Lebens nicht ins Auge sehen zu müssen, sondern dient im Gegenteil dazu, die Unschönen Seiten des Lebens bewusst wahrzunehmen, ohne die Hoffnung zu verlieren. Für mich persönlich ist Hoffnung ein spiritueller Moment der Sehnsucht und somit ein energetischer Anschub, sich bewusst für eine Zukunft einzusetzen, die attraktiv genug erscheint, eine widrige Gegenwart auszuhalten.

    Oder, um es mit dem Philosophen Ernst Bloch auszudrücken: „Die Hoffnung ist eine Bedingung für das menschliche Leben, die neue Wirklichkeit schafft.“