Schlagwort: Literacy

  • KI in der Wirtschaft

    KI in der Wirtschaft

    (Ein Kommentar von Melanie Vogel) Aus dem Silicon Valley wabert seit einigen Jahren eine Idee in die deutsche Unternehmenslandschaft, die sich „Solutionismus“ nennt. Dahinter steckt der Gedanke, dass es für alle drängenden Probleme unserer Zeit eine technische Lösung gibt. Der Clou an der Vorstellung ist, dass uns „Big Data“ und KI nicht nur den Weg zu den Problemen weisen, sondern in ihnen gleichzeitig auch die Lösung liegt, wie diese Probleme gelöst werden können. Das Ergebnis wäre eine schöne neue Welt, in der die großen Menschheitsprobleme – auf Daten und Algorithmen herunter simplifiziert – die chaotisch-unberechenbare Sphäre von Naturgesetzen verlassen und bewältigbar werden. Allerdings könnte die Grundidee des Solutionismus bei näherer Betrachtung einer Schimäre nachjagen…

    Das Problem unserer Datenbesessenheit 

    Allerspätestens seit der Erfindung von Google sind Daten zum digitalen Gold geworden. Sie sind ein fast schon unbezahlbarer Rohstoff, weswegen sich in der globalen Wirtschaftswelt (und damit auch in Deutschland) eine gewisse Datenbesessenheit breit gemacht hat. Und genau darauf beruht die Idee des Solutionismus: Der unbedingte Glaube, dass die Wirtschaft mit genügend Daten viele komplexe Aspekte des Lebens – und die damit verbundene Ineffizienz von Lebensbereichen und Individuen – beheben kann. Es geht um nicht mehr, aber auch nicht weniger, als eine datengetriebene Transparenz, die es Unternehmen ermöglicht, Plattformen aufzubauen, Infrastrukturen zu vernetzen und das Alltagsleben in allen Facetten zu steuern und zu regulieren. Auf den ersten Blick erscheint dieser Trend sinnvoll und nachvollziehbar. Weniger Reibungsverluste beim Datentransfer, mehr Transparenz z.B. bei der Terrorbekämpfung oder eine schnellere Nachverfolgung von Infektionsketten. Doch dahinter stecken drei kleine, aber entscheidende Denkfehler:

    1. Alle Daten, die maschinell erhoben werden, sind in dem Moment, wo sie in eine Datenbank geschrieben werden, bereits veraltet. Diese Erkenntnis ist wichtig, wenn es um die anschließende Deutung der Daten geht. Sie bilden nämlich niemals die Realität, sondern immer nur eine Realität ab, die noch dazu nie allgegenwärtig sein kann. Für viele mag diese Unterscheidung irrelevant sein. Für das Narrativ, dem wir die gesammelten Daten aber irgendwann unterordnen müssen, ist es das nicht. Egal, wie viele Daten „Big Data“ generiert, sie sind und bleiben immer unvollständig und reduktionistisch, weil auch die menschliche Realität unvollständig und reduktionistisch ist.
    2. Das intuitive Wissen über den Einsatz und die Deutung von Daten und Algorithmen ist so gut wie nicht existent, weil eine flächendeckende Erfahrung und auch der übergreifende interdisziplinäre Diskus darüber fehlen, wie Daten gelesen und interpretiert werden können. Unterschiedliche Wissensbereiche haben unterschiedliche Vorgehensweisen erlernt, wie Daten interpretiert werden sollen. Es kommt einer Wahnvorstellung gleich zu glauben, der Solutionismus könnte uns lediglich zu einer technischen Lösung führen, wenn es in Wahrheit für die chaotischen Menschheitsprobleme unendlich viele Wege gibt, sie zu bewältigen.
    3. Big Data schafft eine (vermeintliche) Faktenlage, die uns ein Problem suggeriert, das unter Umständen gar nicht da ist oder nicht gelöst werden kann, weil die (vermeintliche) Faktenlage in Wirklichkeit unvollständig ist. Was wir stattdessen erhalten ist ein künstlich geschaffenes Problem-Paradox, das einen vormals komplexen Zustand ins Chaos ziehen kann. Diese technische Hybris, die daraus entsteht, basiert auf dem fehlenden Bewusstsein, dass „Big Data“ immer nur unter Laborbedingungen passiert. Doch das Leben selbst ist chaotisch und nicht alles kann in Daten abstrahiert und auf diesem Weg simplifiziert und alternativlos werden.

    KI in Deutschland – zwischen Wunsch und Wirklichkeit

    Im Jahr 2017 erfragte der Bitkom[1], welche Erwartungen die Deutschen an KI haben. Die Akzeptanz schien hoch, denn die Menschen sahen in vielen Lebensbereichen einen sinnvollen Einsatz von KI-Technologien.

    • 83% waren sich sicher, dass KI helfen könne, Staus im Straßenverkehr zu reduzieren. Heute können wir feststellen: Es war nicht die KI, welche die Staus über Monate reduzierte, sondern ein Virus. Die während der Pandemie entstandenen LKW-Staus an den deutschen Grenzen oder kilometerlange Tanker-Staus vor den größten Häfen der westlichen Welt, konnte die KI nicht lösen, weil „Big Data“ dieses Problem gar nicht vorhergesagt hatte. Interessanterweise haben auch die verantwortlichen Menschen an den Grenzen, in den Häfen und in der Politik diese Probleme nicht vorhergesagt, obwohl sie offensichtlich auf der Hand hätten liegen müssen. Wo Lieferketten unterbrochen und zerstört werden, wo ein globaler Flickenteppich an Quarantäne-Bestimmungen Einreisen und Lieferverkehr erschweren, kann kein reibungsloser Ablauf mehr stattfinden – KI hin oder her.
    • 68% der Befragten waren sich 2017 sicher, dass Verwaltungstätigkeiten durch KI schneller bewältigt werden können. Heute wissen wir: Deutschland ist noch nicht soweit. In den Gesundheitsämtern der Republik wird gefaxt und manuell-analog gearbeitet, was das Zeug hält. Als ich diesen Artikel 2021 schrieb, gab es beim Finanzamt Bonn sage und schreibe genau ein Faxgerät (als Zahl ausgeschrieben: 1 Faxgerät), was die beschleunigte Bearbeitung dringender unternehmerischer Belange auf eklatant-fahrlässige Weise verlängert. Ein Scanner, angeschlossen an ein datensicheres E-Mailprogramm wäre ein wahrlicher Quantensprung ins 21. Jahrhundert, zu dem sich die Finanzverwaltung damals noch außer Stande sah.
    • 57% sahen 2017 in der KI große Chancen, Diagnosen im Gesundheitswesen verbessern zu können. Schön wäre es, wenn es so wäre. Ob es die Corona-App, die Nachverfolgung von Infektionsketten oder die Lieferketten von Arznei- oder Lebensmitteln sind – überall zeigt sich: der KI-Optimismus war verfrüht. Nicht primär an der KI scheitert es, sondern an den Menschen, welche die vorhanden KI-Systeme entwickeln, sie nutzen und ihnen vertrauen sollen.
    • Schließlich, so ließ uns die Bitkom-Umfrage 2017 wissen, waren sich 21% der Befragten sicher, dass man mit Hilfe der KI in den Bereichen Kunst und Kultur völlig neue Dinge erschaffen könne. Heute wissen wir: Die Möglichkeiten wären vermutlich da – lediglich die menschliche Fantasie und die kollektive Akzeptanz fehlen. Und woran scheitert es in vielen Unternehmen? An der Angst vor der Technologie, an der mangelnden Vorstellungskraft, digitale Räume mit menschlichem Leben zu füllen und an der Borniertheit vieler IT-Abteilungen in den Unternehmen, Plattformen für die Nutzung freizugeben. Frei nach dem Motto „Zoomt und seid glücklich“, werden andere digitale Kanäle nicht nur nicht freigegeben, sondern deren Benutzung wird rigoros verboten.

    Kurz zusammengefasst muss man – leider – feststellen, dass zumindest in Deutschland die „Digital Readiness“ eine nette Idee ist, in der Realität aber von Umsetzungs-Dramen begleitet wird, die in den meisten Fällen nichts mit KI und „Big Data“ zu tun haben, sondern mit einem generellen Unverständnis hinsichtlich ethisch-ökonomisch sinnvoller Einsatzmöglichkeiten. Doch vielleicht ist genau das ein Vorteil, der nun genutzt werden kann.

    KI – Raus aus den Traumtänzereien

    Die Erwartungen an die KI haben sich in vielen Bereichen derzeit noch nicht erfüllt. Den Schimären des Silicon Valley nachzujagen und dem Solutionismus zu frönen, macht für Deutschland auch wenig Sinn, denn die deutsche Kultur ist nicht die amerikanische und der Transhumanismus (dem der Solutionismus zuzuordnen ist) entspricht eben nicht dem Humanismus – den Grundwerten unserer Kultur. Dennoch betrachte ich diese Kluft nicht als nachteilig, sondern ganz im Gegenteil. Sie stellt einen Vorteil dar, den wir selbstbewusst nutzen könnten.

    Basierend auf den Werten des Humanismus – insbesondere des Humboldt’schen Bildungsideals – wäre es genau jetzt an der Zeit, die KI aus den utopischen und zum Teil auch menschenfeindlichen Traumtänzereien des Silicon Valley zu befreien und einen „europäischen“ oder gar einen „deutschen KI-Weg“ zu wählen. Und die Grundlagen dafür sind bereits kulturell bei uns verankert. Das Humboldt’sche Bildungsideal impliziert einen ganzheitlichen – holistischen – Ansatz. Nicht nur in der Bildung und Ausbildung des Menschen, sondern auch in seinen Fähigkeiten, ganzheitlich zu denken und zu handeln. Forschung und Lehre sollen Hand in Hand gehen, genauso wie – so Humboldt – der Mensch insgesamt „an sich und ohne Hinsicht auf seinen besonderen Beruf ein guter, anständiger, seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger“[2] sein soll. Wie könnte man also diesen Grundgedanken auf KI und Big Data übertragen und so den zukünftigen technologischen Entwicklungen einen ethisch-kulturellen Touch geben, der bislang global fast vollständig fehlt?

    Wir brauchen eine Reform des Erkenntnisprozesses

    Wir müssen erkennen – und unser kulturelles Humboldt’sches Erbe ermöglicht uns diesen Zugang fast spielend –, dass wir ein Verständnis für (neue) Fehlerquellen benötigen, zu denen uns KI und Big Data verleiten. Wir brauchen auf das Sammeln von Daten und auf das Finden technologischer Lösungen für Probleme überhaupt nicht zu verzichten, jedoch die Interpretation derselben muss sich verändern. Weg vom ausschließlich-ökomischen Ansatz (der eine grundlegende und gefährliche „Daten-Knechtschaft“ in sich birgt) hin zum ethisch-ökonomischen Ansatz. Dazu wären vier Schritte notwendig, die nicht nur in Hochschulen und Universitäten in allen Fachbereichen Einzug halten sollten, sondern auch als technik-ethischer Standard in der Unternehmenswelt dringend umgesetzt werden müssten. Würde die Prozesskette mit dem Sammeln von Big Data beginnen, so müsste im Anschluss ein Problem bzw. eine Theorie hinterlegt werden. Gibt es für die gesammelten Daten tatsächlich ein reales Problem? Wenn ja, ist dieses Problem relevant – und für wen? Welches Narrativ erzählen die Daten? Wer wird sie wie interpretieren und warum? Im dritten Schritt muss ein konsequenter Realitätsabgleich stattfinden. Welche menschlichen Bedürfnisse würden durch eine mögliche Lösung befriedigt? Welche Machbarkeitswege gibt es? Welcher Weg ist der sinnvollste, der ethischste und der nachhaltigste? Welche Handlungen und Einstellungen müssen ethisch-moralisch überprüft werden, wenn aus bestimmten Daten KI-Prozesse entwickelt werden? Im vierten Schritt steht die Technologie im Fokus, die dann wiederum einen permanenten ethischen Datenabgleich mit der Realität abbilden muss. Zwischen den technologischen Prozessen liegen also analog-kreative Prozesse, interdisziplinäre Diskurse und humanistisch-holistische Abwägungen, die wir in Deutschland im Ansatz als Technikfolgeabschätzung kennen, die aber bislang meistens auf Institutionen beschränkt war und nicht konsequent auf Individuen und unternehmerisch tätige Organisationen ausgeweitet wurde. Doch genau der Paradigmenwechsel muss erfolgen, wenn es um nachhaltige Technologieentwicklung geht, für die insbesondere Deutschland immer gestanden hat und auch in Zukunft stehen sollte.

    „Die Maschine kann nur tun, was wir ihr zu befehlen wissen“, wusste bereits Ada Lovelace. Es braucht daher auf allen Ebenen der Gesellschaft „critical thinking“ – kritisches Denken, wenn es um den Einsatz von Big Data und KI geht, um Missbrauch und menschenfeindliche Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern.

    Dieser Kommentar erschien zuerst auf dem Blog des Hochschulforums für Digitalisierung.


    [1] https://de.statista.com/infografik/11969/kuenstliche-intelligenz/

    [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal

  • Hybrides Denken

    Hybrides Denken

    (© Melanie Vogel) Hybrides Denken als Notwendigkeit begann am 12. März 1989. Dieser Tag hat die Welt irreversibel verändert. An diesem Tag stellte Tim Berners-Lee im CERN ein Projekt vor, das auf einem Hypertext-System aufbaute und seiner Ansicht nach Forschungsergebnisse auf einfache Art und Weise „verflechten“ – sprich: vernetzten – konnte. Sein Ziel war eine vereinfachte Kommunikation mit seinen Kolleginnen und Kollegen. Doch tatsächlich schuf er an diesem Tag die weltbewegende Grundlage für das – so wie er es später nannte – World Wide Web.

    Das ist über 30 Jahre her und heute können wir mit Fug und Recht sagen: Das Internet ist das Betriebssystem der Welt. Ein funktionierendes Leben, Arbeiten und Kommunizieren ohne die Grundlage der digitalen Vernetzung erscheint heute unmöglich.

    Tim Berners-Lee selbst sagte in den Anfangsjahren über das Internet: „Das World Wide Web ist eine großräumige Hypermedia-Initiative zur Informationsbeschaffung mit dem Ziel, den allgemeinen Zugang zu einer großen Sammlung von Dokumenten zu erlauben.“

    Heute kann man von einer „Initiative“ nicht mehr sprechen. Das Internet ist die Grundlage für milliardenschwere Tech-Giganten, die unseren Alltag dominieren – egal, ob wir „googeln“, „twittern“, „facebooken“, online shoppen oder digitale Bücher lesen. Überall verdienen US-amerikanische Konzerne mit – entweder an den Daten, die wir ihnen freiwillig (gezwungen) zur Verfügung stellen oder an den Transaktionen, die wir über die riesigen Plattformen tätigen, die sich mittlerweile wie ein Krebsgeschwür über den Globus ziehen.

    2007 gab es einen weiteren Phasensprung in der technologischen Entwicklung und der damit einhergehenden Digitalisierung und Vernetzung der Welt. Das iPhone erblickte das Licht der Welt. Von Null auf 2,5 Milliarden Usern bis zum Jahr 2018 – das ist die Erfolgsgeschichte des iPhones. Auch dieses technologische Gerät hat sich in das generelle Nutzerverhalten der Menschen weltweit eingebrannt. Menschen, die beim Gehen auf einen Bildschirm schauen, sind zur Normalität geworden – ebenso wie der reflexartige Griff zum „Smart Phone“ alle paar Minuten.

    13 Jahre später findet ein elementarer Wendepunkt statt, den wir historisch in Zukunft sicherlich aus unterschiedlichen Perspektiven reflektieren und aufarbeiten werden müssen, um die Tragweite der Veränderung zu verstehen. Pandemie-bedingt wurden die Menschen im Jahr 2020 nicht nur weltweit ins Homeoffice verbannt, sondern auch zu sozialer Distanz angehalten. Wenn persönliche Treffen verboten sind, sind die sozialen Medien und das World Wide Web die einzigen Kontaktmöglichkeiten „nach draußen“. Seit diesem Jahr ist die Digitalität in der Bevölkerung angekommen. Das heißt, die Hinwendung zu globaler Konnektivität und digitaler Vernetzung ist zu einem dauerhaften Zustand geworden. Selbst diejenigen, die sich bis März 2020 noch weigerten, digitale Kommunikationstools zu nutzen, konnten sich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr wegducken. Digitale Konferenzen, Zoom-Calls oder der tägliche Skype-Chat definieren seit dieser Zeit die „neue Normalität“.

    Hybdrides Denken: Unsere Anpassungsfähigkeit bleibt dauerhaft gefordert.

    In der Digitalität angekommen, wird das alltägliche Leben nicht zwangsläufig leichter oder weniger komplex. Ganz im Gegenteil. Der Mensch hat – vor allem durch das Bildungssystem – gelernt, linear zu denken. Um erfolgreich linear denken zu können, ist eine gewisse Simplizität der Außenwelt erforderlich, damit auf A ein B folgen kann. Diese Simplizität ist jedoch schon lange nicht mehr gegeben. Eine Welt, die digital und global vernetzt ist und am laufenden Band exponentiell Informationen produziert, ist nicht nebenher zu bewältigen. Wir müssen uns daher fragen:

    • Wie können wir mental mit der technologischen Entwicklung Schritt halten? Wenn jede Technologie ihre Kraft aus der jeweils vorangegangenen Technologie schöpft, müssten dann nicht auch unsere Technologie-Kompetenz und unser Technologie-Bewusstsein stärkend aufeinander aufbauen? Das mag bei den grundsätzlich technologie-affinen Menschen selbstverständlich funktionieren. Jedoch bei denen, die sich erst im Jahr 2020 mit den Möglichkeiten und Notwendigkeiten der virtuellen Konnektivität und der entsprechenden Nutzung von Plattformen und Hardware auseinandergesetzt haben, fehlen wichtige Kompetenz- und Bewusstseinsschritte, die einer „mündigen Nutzung“ zuwiderlaufen. Wir dürfen uns daher über Widerstände, sich mit den digitalen Arbeitsmethoden auseinanderzusetzen, nicht wundern, sondern müssen unternehmerisch und auch gesellschaftlich überlegen, wie wir sinnvolle – menschliche – Brücken bauen, um die digitale Kluft nicht noch größer werden zu lassen.
    • Wie und was müssen wir lernen? Das Beherrschen der Technologie ist das eine. Viel entscheidender ist jedoch, wie wir die digitalen Technologien und virtuellen Möglichkeiten jetzt und in Zukunft nutzen. Wie müssen und sollten wir kommunizieren? Wie innovieren Unternehmen und Teams, wenn Belegschaften nicht mehr zur gleichen Zeit am gleichen Ort sind? Wie werden Prozesse sinnvoll verändert, wenn sich die Wissens-Arbeitswelt zunehmend hybrid gestaltet? Wie organisieren wir eine hybride Arbeitswelt? Wie schaffen wir den mentalen Spagat zwischen analogen und digitalen Arbeitsweisen? Wie finden wir die Schnittmengen aus denen sich hybride Prozesse gestalten lassen – und wir fügen wir hier die analogen und digitalen Strukturen nahtlos an, die sich nicht hybrid abbilden lassen, sondern entweder analog oder digital sind – aber nicht beides gleichzeitig ermöglichen?
    • Wie steuern und bestimmen wir den Weg? Wie denken und handeln wir zukünftig in einer hybriden Arbeitswelt? Wie lösen und gestalten wir dieses komplexe Problem, das es so in dieser Form noch nie gab?

    Hybrides Denken heißt die Schlüsselkompetenz

    Aus meiner Sicht kristallisiert sich immer mehr die notwendige Fähigkeit des hybriden Denkens als elementare Schlüsselkompetenz der Gegenwart heraus. Hybrides Denken bedeutet nicht nur, mental den Spagat zwischen analogen und digitalen Welten und Arbeitsweisen herzustellen, bewusst zu begreifen und zu gestalten, sondern es bedeutet, grundsätzlich in einem „Sowohl-als-auch“ zu denken. Nicht alles wird möglich, aber vieles ist seit 2020 sehr viel möglicher – also realer – geworden. Unser Weltbild ist heute vielschichtiger, unsere Realität um die Komponente der Virtualität erweitert. Wir können uns nicht mehr zwischen „Entweder-oder“ entscheiden, sondern müssen uns in analogen und digitalen Welten ebenso zurechtfinden, wie in der hybriden Mischform. Damit haben wir uns von unserer selbst geschaffenen linearen – und damit irrtümlich simplifizierten – Welt abgenabelt und emanzipiert.

    Die Geburtswehen der Digitalisierung sind vorbei. Wir sind buchstäblich in der Digitalität zur Welt gekommen. Mit Simplifizierung und einer Rückkehr zum einstigen engstirnigen und kreativlosen „Entweder-oder“ ist es nicht mehr getan. Um mit hybriden Welten umgehen zu können, ist jetzt ein holistisches Systembewusstsein notwendig. Wir müssen lernen zu verstehen, dass sich analog und digital nicht nur gegenseitig bedingen, sondern auch auf unterschiedliche Weise unsere Aufmerksamkeit bündeln und gleichzeitig entzweien. Kompetenzen, die uns in der analogen Welt dienlich sind, sind nicht unbedingt eins zu eins auf die digitale Welt übertragbar, sondern müssen unter Umständen angepasst und verändert werden. Dazu brauchen wir das hybride Denken – aber auch Kreativität und Offenheit, dass sich Prozesse entwickeln dürfen, auch wenn der Ausgang noch ungewiss ist.

    Dadurch ergibt sich ein weiterer Aspekt des hybriden Denkens: Das Silodenken ist passé, denn auch das Silodenken ist ein Denken in „Entweder-oder“-Prozessen. Hybrides Denken schafft die Grundlage für eine Zusammenarbeit über mentale und tatsächliche Grenzen hinweg. Eine hybride Arbeitswelt – in dieser Form bisher noch nie dagewesen – braucht Diskurse und Dialoge, um bestmögliche Ergebnisse zu erringen. Versuch und Irrtum müssen genauso möglich sein wie Erfolg und Wissen. Auch hier treffen wir erneut auf das bereits bekannte „Sowohl-als-auch“-Prinzip des hybriden Denkens.

    Schließlich ist spricht ein weiterer Aspekt für die Notwendigkeit hybriden Denkens: Reines Faktenwissen ist out. Es macht uns zu mentalen Dinosauriern, denn wer sich auf Fakten verlässt verkennt die Tatsache, dass sich Informationen und Fakten in einer global vernetzten Welt unaufhörlich verändern. Eine rein faktenbasierte Welt ist eine simplifizierte, lineare Welt, die kaum bis keine Veränderung und Anpassung zulässt. Diese Welt haben wir vermutlich noch nie gehabt – doch spätestens seit 2020 muss auch die Illusion einer solchen Welt endgültig geplatzt sein. Eine zuvor in dieser Form noch nie dagewesene hybride Welt muss sich erst noch um Fakten bemühen. Bis diese zustande kommen, braucht es Phasen des Ausprobierens, des Veränderns und Anpassens. Das bedeutet, Faktenwissen wird mehr und mehr abgelöst durch Universalwissen, Ahnungen und Intuition. Durch ein Gefühl, wie es gehen könnte, bevor das Wissen darüber reifen kann, wie es sicher funktioniert.

    Menschen, die das hybride Denken annehmen, werden mit der Dynamik und Ungewissheit der aktuellen Gegebenheiten sehr viel besser zurechtkommen, als die Menschen, die in den starren und linearen Denkweisen des 20. Jahrhunderts verhaftet bleiben.

    Die positive Botschaft jedoch lautet: Bevor dem Menschen das lineare Denken antrainiert wird, ist hybrides Denken der normale Modus Operandi. Mindestens in den allerersten Lebensjahren. Die Fähigkeit ist also in jedem von uns vorhanden. Es ist lediglich eine Frage des Wollens, ob wir diese Schlüsselkompetenz wieder zum Leben erwecken wollen oder nicht.

  • Digitalisierung: Mythos oder Realität?

    Digitalisierung: Mythos oder Realität?

    (© Melanie Vogel) Viele digitale Transformationen laufen nicht nur ins Leere, sondern scheitern kläglich. Der Untergang digitaler Vorhaben beginnt meistens damit, dass man glaubt, digitale Prozesse seien wie Manna, das vom Himmel fällt. Ihnen wird eine gewisse Allmacht zugesprochen, die vorhandenen Probleme im Unternehmen vollumfänglich beseitigen zu können. Das ist – wenig überraschend – ein folgenschwerer Irrtum. Das eigentliche Problem, warum digitale Prozesse scheitern, ist vielmehr dem Umstand geschuldet, dass Management und Führungskräfte sich selten ausreichend Zeit nehmen herauszufinden, welche Prozesse überhaupt sinnvoll sind zu digitalisieren. Was wollen die Kunden? Was wollen die Mitarbeitenden? Was ist beiden Gruppen zuzumuten – und was passt zum Unternehmen und zur Unternehmenskultur?  Gleichsam erliegen viele Entscheidungsträger einigen lästigen Mythen, die den Glauben an allheilende Digitalisierungsprozesse kontinuierlich befeuern. Vier hartnäckige Mythen möchte ich hier widerlegen.

    1. Mythos der Digitalisierung: Digital ist immer disruptiv. Wer digitale Prozesse einführt und glaubt, danach aus dem eigenen Unternehmen das nächste Apple oder Google zu machen, überfordert nicht nur das Unternehmenssystem, sondern erliegt auch der bereits angesprochenen Allmachtsillusion, was Digitalisierung alles können kann und erfüllen muss. Grundsätzlich können nur die Prozesse sinnvoll digitalisiert werden, die vorher auch schon gut funktioniert haben. Hat man diese Prozesse herauskristallisiert und überprüft, ob eine Digitalisierung zweckmäßig ist, wird die Umsetzung weder schmerzhaft sein, noch zu riesigen innovativen Durchbrüchen führen. Und das ist auch gut so, denn nichts ist unternehmensschädlicher als fehlgeleitete Digitalisierungsprozesse, an die unrealistische Hoffnungen geknüpft sind, in dessen Folge das Kerngeschäft Schaden nimmt, weil man glaubt, mit der Digitalisierung gleichsam das Kind mit dem Bade ausschütten zu müssen. Digitale Prozesse können problemlos in inkrementellen Schritten eingeführt und umgesetzt werden. So werden weder die Gesamtorganisation, noch die Mitarbeitenden und Kunden übermäßig belastet.
    2. Mythos der Digitalisierung: Das Digitale ersetzt das Analoge. Auch das stimmt natürlich nicht. Vielmehr wird es ein „Sowohl-als-auch“ geben (müssen), das im optimalen Fall zu einer zweckmäßigen und sinnvollen hybriden Lösung führt. Auch hier ist es im Vorfeld wichtig sich zu überlegen, was das mittel- und langfristige Ziel sein soll. Insbesondere bei der Diskussion um „New Work“ und die Arbeitswelt der Zukunft, die in vielen Unternehmen seit 2020 geführt wird, ist ein offener Diskurs darüber wichtig, was für die Mitarbeitenden, die Kunden und das gesamte Unternehmen sinnvoll ist. In vielen Unternehmen erlebe ich derzeit eine gewisse Radikalität in die eine oder andere Richtung. Entweder treffe ich auf Unternehmen, die Bürokapazitäten abbauen und schon jetzt gar nicht mehr darauf eingestellt sind, dass alle Mitarbeitenden zur gleichen Zeit am gleichen Ort physisch anwesend sein können. Oder ich treffe auf Unternehmen und Führungskräfte, die sich lieber gestern als heute von der lästigen digitalen Arbeitswelt verabschieden wollen und die Mitarbeitenden wieder in die Büros zurückrufen – komme, was da wolle. Beide Extreme sind aus meiner Sicht nicht zielführend, denn in dem radikalen „Entweder-oder“ verlieren Arbeitgeber die Menschen, die sich an ein „Sowohl-als-auch“ gewöhnt haben und das auch weiterführen möchten.
    3. Mythos der Digitalisierung: Bei dem Thema Digital geht es immer um die Technologie. Dieser Mythos ist nicht nur grundfalsch, sondern auch gefährlich, weil er zu einem verengten Denken führt. Die Technologie ist ein wichtiges, aber tatsächlich meistens das kleinste Problem, das es zu lösen gilt. Viel gravierender – und meistens sträflich vernachlässigt – ist die Frage. Was verändert sich kulturell, kommunikativ und prozessual durch die Digitalisierung? Welche Kompetenzen werden gebraucht? Welche Kompetenzen fallen zukünftig weg? Digitalisierung ist nicht in erster Linie eine technische Frage, sondern eine Frage der (veränderten) Haltung. Wo immer etwas digitalisiert wird, ist im Anschluss die Anpassung menschlichen Verhaltens notwendig, um die digitalisierten Prozesse sinnvoll in das unternehmerische Gesamtkonstrukt einzubetten. Damit verbunden ist immer auch ein kultureller Wandel, denn das Zusammenspiel zwischen Mensch und Technologie muss neu gedacht und organisiert werden.
    4. Mythos der Digitalisierung: Digitalisierung ersetzt das Alte. Meistens ist die Digitalisierung eine inkrementelle Überbrückung – hin zu etwas Neuem, das schrittweise entstehen kann. Alles, was als „großer Wurf“ in einen digitalen Fleischwolf geschmissen wird, birgt große Risiken als winziges Würstchen zu enden. Auch hier ist es wichtig, sich von den Allmachtsphantasien zu lösen, die der Digitalisierung zugesprochen werden. Grundsätzlich sollte nur das digitalisiert werden, was sinn-, zweck- und zielführend ist zu digitalisieren. Und es sollte auch nur und erst dann digitalisiert werden, wenn die Technologie überzeugende Lösungen bietet, die der Sinn- und Zweckmäßigkeit des zu digitalisierenden Unterfangens dienen. Ist eine solche Technologie (noch) nicht in Sicht, sollte das Alte beibehalten werden. In diesem Fall gilt dann – bis auf weiteres: Never change a running system.
  • Virtual Literacy – das “Ich” im digitalen Raum

    Virtual Literacy – das “Ich” im digitalen Raum

    (© Melanie Vogel) Wie verändert sich das „Ich“ im digitalen Miteinander? Wie können wir auf gesunde und selbstbewusste Weise die analoge und digitale Welt miteinander verbinden? Wie kreieren wir eine gelingende Form der „WIRtualität“? Das waren Fragen, die ich im Rahmen meines Vortrages „Virtual Literacy“ beim diesjährigen University:Future Festival adressierte (hier in voller Länge auf dem YouTube-Kanal des HFD). Wer Virtual Literacy als Kompetenz beherrscht, ist in der Lage, den Dualismus zwischen digitaler und analoger Welt aufzulösen – so lautete meine Kernthese.

    In den letzten zwei Jahren ist unser (Arbeits-)Leben in sehr vielen Bereichen vollends in der Digitalität angekommen. Millionen von Menschen arbeiten seit vielen Monaten autonom im Homeoffice, kreieren sich dort einen individuellen Rückzugs- und Arbeitsraum und arrangieren sich mit der Getrenntheit von Kolleginnen und Kollegen. Parallel entsteht jedoch langsam aber sicher ein Bewusstsein dafür, dass wir einen Weg hin zu einem kollektiven – digitalen – Wir finden müssen. Doch wie können wir die „WIRtualität“ herstellen und gestalten, wenn wir gleichzeitig lernen und uns zunächst erst einmal bewusst machen müssen, welchen Herausforderungen unser „Ich“ im digitalen Spiegel Stand halten muss? Wir erleben täglich

    • ein permanentes Wegschauen, wenn wir sprechen und andere zuhören, denn kein Mensch schafft es, ununterbrochen auf einen einzelnen Punkt – das Kamera-Objektiv – zu schauen.
    • Anonymität in Bezug auf unsere Interaktion, denn nicht alle Kolleginnen und Kollegen schalten die Kamera ein.
    • eine doppelte Musterung: Die Musterung durch uns selbst, weil wir uns ständig in der eigenen Kamera spiegeln – und die Musterung durch die Teilnehmenden an der Videokonferenz.

    Um zu einer gelingenden „WIRtualität“ zu gelangen, brauchen wir neue Kompetenzen – und eine davon bezeichne ich als „Virtual Literacy“. Literacy bedeutet im Ursprung „Lese- und Schreibverständnis“, umfasst aber auch Kompetenzen wie Sinnverstehen, (sprachliche) Abstraktionsfähigkeit, Kenntnis. Insgesamt steht „Literacy“ für ein Kontextverständnis. 

    Virtual Literacy bedeutet, die virtuelle Welt mit der realen Welt zu verbinden und diese erweiterte Realität in ihrem jeweiligen Kontext zu verstehen und bestmöglich nutzen zu können. Virtual Literacy bedeutet, den Dualismus zwischen digitaler und analoger Welt aufzulösen.

    Der Dualismus zwischen digitaler und analoger Welt oder auch zwischen Realität und Virtualität besteht, seit wir über Digitalisierung sprechen, unsere Welt also neben Schrift und Sprache auch in Bits und Bytes darstellen. Oft wird dieser Dualismus durch das kleine Wörtchen „nur“ offenbar. “Es ist nur ein virtueller Raum.“ Oder „Dieses Phänomen findet sich nur im Internet“ – und damit unausgesprochen nicht in der realen Welt.

    Virtual Literacy ermöglicht uns, den digitalen Dualismus – also die strikte Trennung zwischen Virtualität und Realität – aufzugeben und anzuerkennen, dass unser digitales Verhalten genauso wirklich ist wie unser Verhalten in der analogen Welt. Unser Tun und Unterlassen, Entscheidungen, die wir treffen, Verantwortung, die wir annehmen oder ablehnen, sollten zu einem selbstverständlichen „Sowohl-als-auch“ werden, denn wir sind sowohl digital als auch analog aktiv. Unser Dasein hat sich erweitert.

    1. Gemeinsames Aushandeln: Was soll – im digitalen Arbeitskontext – ein „allgemeines Gesetz“ werden, um eine gelingende „WIRtualität“ kreieren zu können? Das gemeinschaftliche Aushandeln ist ein notwendiger Reflexionsprozess darüber, wie wir bisher und in Zukunft die digitale Arbeitswelt gestaltet haben und zukünftig gestalten wollen. Wann immer Kontexte ausgehandelt werden, spielen individuelle Aspekte ebenso eine Rolle wie teambezogene. Vom „Ich“ zum „Wir“ zurück zum „Ich“.
    2. Dilemma auflösen: Wir empfinden uns einerseits (im Homeoffice) als autonomes Selbst, andererseits aber mutieren wir auf den meisten Interaktions- und Kommunikationsplattformen zu einem digitalen (unfreien) Objekt, da wir unser Videobild weder verschieben, noch kreativ in einen anderen Kontext setzen können. Diese Unfreiheit findet jedoch nur in unserem Kopf statt. Das bedeutet: Wir können dieses Dilemma und die damit verbundene gefühlte Unfreiheit auflösen, indem wir uns bewusst machen, dass wir zwar unseren Avatar nicht verschieben können, unsere mentale Freiheit davon jedoch unbeeinträchtigt ist. Der Denkraum ist nach wie vor vorhanden – und Handlungsmöglichkeiten haben wir immer, pro-aktiv an einer gelingenden „WIRtualität“ mitzuarbeiten und unser „Ich“ ausbalanciert in der digitalen und analogen Welt zur Entfaltung kommen zu lassen.

    Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog vom Hochschulforum Digitalisierung.