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  • Ist das menschliche Denken veraltet?

    Ist das menschliche Denken veraltet?

    (© Melanie Vogel) Die evolutionäre Entwicklung des menschlichen Gehirns bevorzugt schnelle, emotional gesteuerte Reaktionen auf unmittelbare Gefahren. In der heutigen Welt, geprägt von komplexen, langfristigen Risiken kann diese neuronale Voreinstellung zu irrationalem Verhalten führen. Dieser Artikel beleuchtet die Diskrepanz zwischen biologischer Prägung und modernen Anforderungen an Rationalität und zeigt, welche Strategien helfen können, bewusster zu entscheiden.

    1. Evolutionäre Prägung und ihre Grenzen

    Das menschliche Gehirn hat sich über Hunderttausende von Jahren in einem Umfeld entwickelt, in dem unmittelbare Gefahren wie Raubtiere, Hunger oder Dunkelheit das Überleben bestimmten. Die neuronale Architektur begünstigt daher schnelle, emotionale Reaktionen auf akute Bedrohungen. Diese schnelle Bewertungsfunktion war einst überlebenswichtig. Sie ist jedoch nur bedingt geeignet für die komplexen, abstrakten Gefahren der Gegenwart wie etwa Umweltzerstörung, finanzielle Risiken oder gesundheitliche Langzeitfolgen.

    Insbesondere das sogenannte “affektive Priming”, also die emotionale Erstreaktion vor rationaler Abwägung, kann zu voreiligen, oft irrationalen Entscheidungen führen. Diese kognitive Verzerrung erklärt, warum Menschen trotz besseren Wissens ungesunde Nahrung konsumieren oder irrational auf diffuse Risiken wie neue Technologien oder Pandemien reagieren.

    2. Strategien zur Förderung rationaler Entscheidungen

    Auch wenn die emotionale Erstreaktion tief im limbischen System verankert ist, lassen sich Denkprozesse bewusst beeinflussen. Zwei effektive Ansätze werden diskutiert:

    • Zeitverzögerung in Entscheidungsprozessen: Wer emotionale Erstimpulse hinterfragt und Entscheidungen bewusst verzögert, sei es um Minuten, Stunden oder Tage, erhöht die Wahrscheinlichkeit einer reflektierten Reaktion. Informationsbeschaffung und Perspektivenwechsel sind zentrale Bestandteile dieser Strategie.
    • Externe Perspektiven einholen: Menschen neigen dazu, ihre Entscheidungen aus einer subjektiv gefärbten Innenperspektive zu treffen. Der kognitive Abstand – etwa durch das Einholen von Meinungen Dritter oder durch die gedankliche Betrachtung aus Sicht eines Außenstehenden kann emotionale Verzerrungen minimieren. Auch anonyme Plattformen oder strukturierte Entscheidungsmodelle können helfen, die rationale Urteilsfähigkeit zu stärken.

    3. Rationalität im Kollektiv

    Einzelne Menschen mögen kurzfristig irrational handeln. Langfristig zeigt sich jedoch, dass die Menschheit als Ganzes zur Rationalität fähig ist. Historisch betrachtet ist der Trend eindeutig: Die Menschheit ist friedlicher, wohlhabender, langlebiger und rechtstaatlicher geworden. Diese positiven Entwicklungen beruhen nicht zuletzt auf dem kollektiven Einsatz rationaler Prinzipien, Wissenschaft und evidenzbasierter Entscheidungsfindung.

    4. Ausblick: Anpassungsfähigkeit des Denkens

    Obwohl die evolutionäre Grundlage unseres Gehirns vergleichsweise starr ist, zeigen sich Fortschritte in der Entwicklung kognitiver Werkzeuge: Bildung, kritisches Denken, künstliche Intelligenz und digitale Informationssysteme erweitern die menschliche Rationalität. Die Fähigkeit zur Metakognition (Reflexion über das eigene Denken) erlaubt eine schrittweise Anpassung an die Anforderungen der modernen Welt.

    Die langfristige Perspektive ist daher verhalten optimistisch: Auch wenn emotionale Impulsreaktionen weiterhin präsent bleiben, ist der Mensch als Spezies in der Lage, durch systematisches Denken, Kooperation und Innovation rationaler zu agieren.

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  • Innovieren statt duplizieren

    Innovieren statt duplizieren

    (© Melanie Vogel) Wenn man in einer sich schnell verändernden und unsicheren Welt erfolgreich sein will, kommt es nicht mehr so sehr darauf an, was man weiß, sondern wie man denkt. Ein Beispiel: Was wissen Sie heute über „Arbeit“? Und was denken Sie heute über „Arbeit“? Die Veränderungen in der Arbeitswelt und die Art und Weise wie wir arbeiten, hat sich in den letzten 3 Jahren – oder auch 1.095 Tagen – so radikal verändert, wie zum letzten Mal zum Beginn der Industriellen Revolution.

    Wir wissen zwar immer noch, welche Ergebnisse wir mit Arbeit erzielen wollen, aber wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir die Art und Weise ändern sollten, wie wir über Arbeit denken. Und das können wir auf dreierlei Weise tun.

    1. Wir müssen herausfinden, was den Mitarbeitenden wichtig ist und inwieweit sich ihre Bedürfnisse in Bezug auf Arbeit in den letzten drei Jahren geändert haben. Ein einfaches „Zurück in die Büros“ wird nur bei den wenigsten Menschen wirklich funktionieren. Der wahrscheinliche Weg sind hybride Arbeitslösungen – doch wie können die aussehen? In der Geschichte der Menschheit haben wir hybride Arbeitslösungen in der Kombination aus Digitalität und Präsenz noch nie erlebt. Wir bewegen uns also in neuen Arbeitssituationen, die wir nicht von irgendwoher duplizieren können, sondern die wir innovieren müssen. Unternehmen müssen sich anpassen und weiterentwickeln, wenn sie in der Lage sein wollen, Talente anzuziehen und zu halten.
    2. Wir müssen neu definieren, was es bedeutet, eine Führungskraft zu sein. Führungskräfte von heute müssen agil sein – doch was heißt das? Sie brauchen die Fähigkeit, asynchrones Arbeiten zu managen und sie müssen die damit einhergehenden Instabilitäten nicht nur aushalten, sondern auch pro-aktiv gestalten können. Um diesen Spagat hinzubekommen, braucht es denkende UND fühlende Fähigkeiten.
    3. Unternehmen müssen ihren Fokus in Bezug auf die Mitarbeitenden und zukünftigen Talente verändern. In den letzten drei Jahren haben sich sehr viele Menschen Sinn- und Existenzfragen gestellt. Wenn im Außen die Unsicherheit zunimmt, wächst das Wertebedürfnis und der Wunsch nach einem „sicheren Hafen“. Unternehmen, die ihre Arbeit unter eine neue Sinnhaftigkeit stellen, die mehr ist, als nur Geld verdienen, entzünden das Gefühl von Sinn und Zweck bei den Mitarbeitenden.

    Wir fragen immer wieder, wie die Zukunft der Arbeit aussehen wird, aber die eigentliche Frage, die wir uns stellen sollten, lautet: Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus, die wir uns wirklich wünschen, und wie wollen wir diesen Wunsch Wirklichkeit werden lassen?

  • Was ist Hoffnung – und wer wagt es, zu hoffen?

    Was ist Hoffnung – und wer wagt es, zu hoffen?

    (© Melanie Vogel) Die Frage, ob Hoffnung hilfreich ist oder eher zur Verklärung krisenbehafteter Umstände verleitet, ist so alt ist wie die europäische Philosophiegeschichte selbst. Unterschiedliche Strömungen und Einstellungen ringen miteinander. Und so ist über die Jahrhunderte eine Kontroverse um den Begriff entstanden, der dazu geführt hat, dass Hoffnung als gelebte Tugend heute mehr oder weniger aus dem Alltag verschwunden ist. Den Mut zur Hoffnung bringt man in Zeiten von Rationalität und Logik kaum noch auf. Der aufgeklärte Mensch weiß, was er erwarten kann – oder auch nicht. Damit erübrigt sich jedes Wünschen auf bessere Zeiten.

    Die Kehrseite der Medaille ist: Wo Hoffnung schwindet, gräbt in unsicheren Zeiten Hoffnungslosigkeit tiefe Furchen in den Geist der Menschen. Und Hoffnungslosigkeit – das Fehlen von Zukunftsmut – ist der Anfangspunkt von Lethargie, Apathie, Phlegma. Hoffnungslosigkeit als Dauerzustand macht die Psyche krank.

    Der Mensch braucht Hoffnung, um sich selbst durch schwierige Zeiten hindurch navigieren zu können. Aaron Antonovsky hat in bahnbrechenden Untersuchungen in den 70er Jahren die Anpassungsfähigkeit von Menschen untersucht. Geleitet von der Frage „Was hält Menschen dauerhaft gesund?“ hat er eine Gruppe von Frauen befragt, die im zweiten Weltkrieg die Gefangenschaft im KZ überlebt hatten. Er fand heraus, dass die Gruppe der Frauen, die diese Zeit psychisch weitgehend unbeschadet überstand, drei wesentliche Komponenten aktivierte, die zueinander in Wechselwirkung stehen und entscheidend zur psychischen und physischen Stabilität beitragen: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit/Sinnhaftigkeit. Krisenresilient und damit anpassungsfähig ist, wer eine aktuell widrige Situation

    • verstehen kann, die Welt also insgesamt als stimmig empfindet
    • als händelbar wahrnimmt, d.h. Ressourcen und Fähigkeiten aktivieren kann, die helfen, die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen
    • als bedeutsam erlebt – und damit an den Sinn des eigenen Lebens glaubt.

    Antonovsky fasste die drei Komponenten unter dem Begriff des Kohärenzgefühls zusammen und stellte fest, dass insbesondere das Gefühl der Sinnhaftigkeit/Bedeutsamkeit bei den inhaftierten Frauen einen starken Zukunftsmut aktivierte, der auf der Hoffnung beruhte, wieder bessere Zeiten erleben zu werden.

    Über die Brücke des Kohärenzgefühl können wir uns dem optimistischen Aspekt der Hoffnung annähern, der nicht auf Naivität, Sorge oder Angst beruht, sondern das intrinsische Element des Glaubens beinhaltet, von dem man gemeinhin sagt, er könne Berge versetzen.

    Rechnen wir mit dem Schlimmsten und hoffen wir auf das Beste

    Wenn wir unseren Geist und unser Herz auf einen positiven Ausklang einer widrigen Situation richten und an das Gute glauben, verändern wir den Grundzustand unseres Seins. Wir erwarten nicht, dass ein bestimmts Ereignis in einer bestimmten Form eintritt, sondern wir hoffen, dass es so sein wird. Die Erwartung verengt, Hoffnung weitet das Herz. Die Hoffnung lässt den Weg zum Ziel offen. Raum für Wunder und Zufälle bleiben bestehen – und lassen uns auch in düsteren Zeiten hoffend hoffen.

    Hoffnung ist kein traumwandlerischer Dauerzustand, sondern wir hoffen so lange, bis sich die Hoffnung erfüllt und die widrige Ausgangssituation gelöst hat. In dieser Zeit der Hoffnung bleiben wir nicht untätig und dem Leben gegenüber gleichgültig. Das Beispiel der von Antonovsky befragten Frauen zeigte das sehr deutlich. Sie waren nicht naiv. Sie wussten, in welch prekärer, lebensbedrohlichen Situation sie sich befanden. Sie rechneten täglich mit dem Schlimmsten – und hofften doch auf das Beste. Und in diesem Hoffen lagen kostbare Momente des Lebens, denn die hoffnungsvollen Gefangenen nahmen sehr bewusst am Leben im KZ teil. Sie erfreuten sich an kleinen Dingen – beispielsweise an einem Lächeln, das zu einem kurzen Moment von innerem Frieden und Glück führte.

    Hoffnung ist also keine Vermeidungsstrategie, den Widrigkeiten des Lebens nicht ins Auge sehen zu müssen, sondern dient im Gegenteil dazu, die Unschönen Seiten des Lebens bewusst wahrzunehmen, ohne die Hoffnung zu verlieren. Für mich persönlich ist Hoffnung ein spiritueller Moment der Sehnsucht und somit ein energetischer Anschub, sich bewusst für eine Zukunft einzusetzen, die attraktiv genug erscheint, eine widrige Gegenwart auszuhalten.

    Oder, um es mit dem Philosophen Ernst Bloch auszudrücken: „Die Hoffnung ist eine Bedingung für das menschliche Leben, die neue Wirklichkeit schafft.“

  • Hybrides Denken

    Hybrides Denken

    (© Melanie Vogel) Hybrides Denken als Notwendigkeit begann am 12. März 1989. Dieser Tag hat die Welt irreversibel verändert. An diesem Tag stellte Tim Berners-Lee im CERN ein Projekt vor, das auf einem Hypertext-System aufbaute und seiner Ansicht nach Forschungsergebnisse auf einfache Art und Weise „verflechten“ – sprich: vernetzten – konnte. Sein Ziel war eine vereinfachte Kommunikation mit seinen Kolleginnen und Kollegen. Doch tatsächlich schuf er an diesem Tag die weltbewegende Grundlage für das – so wie er es später nannte – World Wide Web.

    Das ist über 30 Jahre her und heute können wir mit Fug und Recht sagen: Das Internet ist das Betriebssystem der Welt. Ein funktionierendes Leben, Arbeiten und Kommunizieren ohne die Grundlage der digitalen Vernetzung erscheint heute unmöglich.

    Tim Berners-Lee selbst sagte in den Anfangsjahren über das Internet: „Das World Wide Web ist eine großräumige Hypermedia-Initiative zur Informationsbeschaffung mit dem Ziel, den allgemeinen Zugang zu einer großen Sammlung von Dokumenten zu erlauben.“

    Heute kann man von einer „Initiative“ nicht mehr sprechen. Das Internet ist die Grundlage für milliardenschwere Tech-Giganten, die unseren Alltag dominieren – egal, ob wir „googeln“, „twittern“, „facebooken“, online shoppen oder digitale Bücher lesen. Überall verdienen US-amerikanische Konzerne mit – entweder an den Daten, die wir ihnen freiwillig (gezwungen) zur Verfügung stellen oder an den Transaktionen, die wir über die riesigen Plattformen tätigen, die sich mittlerweile wie ein Krebsgeschwür über den Globus ziehen.

    2007 gab es einen weiteren Phasensprung in der technologischen Entwicklung und der damit einhergehenden Digitalisierung und Vernetzung der Welt. Das iPhone erblickte das Licht der Welt. Von Null auf 2,5 Milliarden Usern bis zum Jahr 2018 – das ist die Erfolgsgeschichte des iPhones. Auch dieses technologische Gerät hat sich in das generelle Nutzerverhalten der Menschen weltweit eingebrannt. Menschen, die beim Gehen auf einen Bildschirm schauen, sind zur Normalität geworden – ebenso wie der reflexartige Griff zum „Smart Phone“ alle paar Minuten.

    13 Jahre später findet ein elementarer Wendepunkt statt, den wir historisch in Zukunft sicherlich aus unterschiedlichen Perspektiven reflektieren und aufarbeiten werden müssen, um die Tragweite der Veränderung zu verstehen. Pandemie-bedingt wurden die Menschen im Jahr 2020 nicht nur weltweit ins Homeoffice verbannt, sondern auch zu sozialer Distanz angehalten. Wenn persönliche Treffen verboten sind, sind die sozialen Medien und das World Wide Web die einzigen Kontaktmöglichkeiten „nach draußen“. Seit diesem Jahr ist die Digitalität in der Bevölkerung angekommen. Das heißt, die Hinwendung zu globaler Konnektivität und digitaler Vernetzung ist zu einem dauerhaften Zustand geworden. Selbst diejenigen, die sich bis März 2020 noch weigerten, digitale Kommunikationstools zu nutzen, konnten sich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr wegducken. Digitale Konferenzen, Zoom-Calls oder der tägliche Skype-Chat definieren seit dieser Zeit die „neue Normalität“.

    Hybdrides Denken: Unsere Anpassungsfähigkeit bleibt dauerhaft gefordert.

    In der Digitalität angekommen, wird das alltägliche Leben nicht zwangsläufig leichter oder weniger komplex. Ganz im Gegenteil. Der Mensch hat – vor allem durch das Bildungssystem – gelernt, linear zu denken. Um erfolgreich linear denken zu können, ist eine gewisse Simplizität der Außenwelt erforderlich, damit auf A ein B folgen kann. Diese Simplizität ist jedoch schon lange nicht mehr gegeben. Eine Welt, die digital und global vernetzt ist und am laufenden Band exponentiell Informationen produziert, ist nicht nebenher zu bewältigen. Wir müssen uns daher fragen:

    • Wie können wir mental mit der technologischen Entwicklung Schritt halten? Wenn jede Technologie ihre Kraft aus der jeweils vorangegangenen Technologie schöpft, müssten dann nicht auch unsere Technologie-Kompetenz und unser Technologie-Bewusstsein stärkend aufeinander aufbauen? Das mag bei den grundsätzlich technologie-affinen Menschen selbstverständlich funktionieren. Jedoch bei denen, die sich erst im Jahr 2020 mit den Möglichkeiten und Notwendigkeiten der virtuellen Konnektivität und der entsprechenden Nutzung von Plattformen und Hardware auseinandergesetzt haben, fehlen wichtige Kompetenz- und Bewusstseinsschritte, die einer „mündigen Nutzung“ zuwiderlaufen. Wir dürfen uns daher über Widerstände, sich mit den digitalen Arbeitsmethoden auseinanderzusetzen, nicht wundern, sondern müssen unternehmerisch und auch gesellschaftlich überlegen, wie wir sinnvolle – menschliche – Brücken bauen, um die digitale Kluft nicht noch größer werden zu lassen.
    • Wie und was müssen wir lernen? Das Beherrschen der Technologie ist das eine. Viel entscheidender ist jedoch, wie wir die digitalen Technologien und virtuellen Möglichkeiten jetzt und in Zukunft nutzen. Wie müssen und sollten wir kommunizieren? Wie innovieren Unternehmen und Teams, wenn Belegschaften nicht mehr zur gleichen Zeit am gleichen Ort sind? Wie werden Prozesse sinnvoll verändert, wenn sich die Wissens-Arbeitswelt zunehmend hybrid gestaltet? Wie organisieren wir eine hybride Arbeitswelt? Wie schaffen wir den mentalen Spagat zwischen analogen und digitalen Arbeitsweisen? Wie finden wir die Schnittmengen aus denen sich hybride Prozesse gestalten lassen – und wir fügen wir hier die analogen und digitalen Strukturen nahtlos an, die sich nicht hybrid abbilden lassen, sondern entweder analog oder digital sind – aber nicht beides gleichzeitig ermöglichen?
    • Wie steuern und bestimmen wir den Weg? Wie denken und handeln wir zukünftig in einer hybriden Arbeitswelt? Wie lösen und gestalten wir dieses komplexe Problem, das es so in dieser Form noch nie gab?

    Hybrides Denken heißt die Schlüsselkompetenz

    Aus meiner Sicht kristallisiert sich immer mehr die notwendige Fähigkeit des hybriden Denkens als elementare Schlüsselkompetenz der Gegenwart heraus. Hybrides Denken bedeutet nicht nur, mental den Spagat zwischen analogen und digitalen Welten und Arbeitsweisen herzustellen, bewusst zu begreifen und zu gestalten, sondern es bedeutet, grundsätzlich in einem „Sowohl-als-auch“ zu denken. Nicht alles wird möglich, aber vieles ist seit 2020 sehr viel möglicher – also realer – geworden. Unser Weltbild ist heute vielschichtiger, unsere Realität um die Komponente der Virtualität erweitert. Wir können uns nicht mehr zwischen „Entweder-oder“ entscheiden, sondern müssen uns in analogen und digitalen Welten ebenso zurechtfinden, wie in der hybriden Mischform. Damit haben wir uns von unserer selbst geschaffenen linearen – und damit irrtümlich simplifizierten – Welt abgenabelt und emanzipiert.

    Die Geburtswehen der Digitalisierung sind vorbei. Wir sind buchstäblich in der Digitalität zur Welt gekommen. Mit Simplifizierung und einer Rückkehr zum einstigen engstirnigen und kreativlosen „Entweder-oder“ ist es nicht mehr getan. Um mit hybriden Welten umgehen zu können, ist jetzt ein holistisches Systembewusstsein notwendig. Wir müssen lernen zu verstehen, dass sich analog und digital nicht nur gegenseitig bedingen, sondern auch auf unterschiedliche Weise unsere Aufmerksamkeit bündeln und gleichzeitig entzweien. Kompetenzen, die uns in der analogen Welt dienlich sind, sind nicht unbedingt eins zu eins auf die digitale Welt übertragbar, sondern müssen unter Umständen angepasst und verändert werden. Dazu brauchen wir das hybride Denken – aber auch Kreativität und Offenheit, dass sich Prozesse entwickeln dürfen, auch wenn der Ausgang noch ungewiss ist.

    Dadurch ergibt sich ein weiterer Aspekt des hybriden Denkens: Das Silodenken ist passé, denn auch das Silodenken ist ein Denken in „Entweder-oder“-Prozessen. Hybrides Denken schafft die Grundlage für eine Zusammenarbeit über mentale und tatsächliche Grenzen hinweg. Eine hybride Arbeitswelt – in dieser Form bisher noch nie dagewesen – braucht Diskurse und Dialoge, um bestmögliche Ergebnisse zu erringen. Versuch und Irrtum müssen genauso möglich sein wie Erfolg und Wissen. Auch hier treffen wir erneut auf das bereits bekannte „Sowohl-als-auch“-Prinzip des hybriden Denkens.

    Schließlich ist spricht ein weiterer Aspekt für die Notwendigkeit hybriden Denkens: Reines Faktenwissen ist out. Es macht uns zu mentalen Dinosauriern, denn wer sich auf Fakten verlässt verkennt die Tatsache, dass sich Informationen und Fakten in einer global vernetzten Welt unaufhörlich verändern. Eine rein faktenbasierte Welt ist eine simplifizierte, lineare Welt, die kaum bis keine Veränderung und Anpassung zulässt. Diese Welt haben wir vermutlich noch nie gehabt – doch spätestens seit 2020 muss auch die Illusion einer solchen Welt endgültig geplatzt sein. Eine zuvor in dieser Form noch nie dagewesene hybride Welt muss sich erst noch um Fakten bemühen. Bis diese zustande kommen, braucht es Phasen des Ausprobierens, des Veränderns und Anpassens. Das bedeutet, Faktenwissen wird mehr und mehr abgelöst durch Universalwissen, Ahnungen und Intuition. Durch ein Gefühl, wie es gehen könnte, bevor das Wissen darüber reifen kann, wie es sicher funktioniert.

    Menschen, die das hybride Denken annehmen, werden mit der Dynamik und Ungewissheit der aktuellen Gegebenheiten sehr viel besser zurechtkommen, als die Menschen, die in den starren und linearen Denkweisen des 20. Jahrhunderts verhaftet bleiben.

    Die positive Botschaft jedoch lautet: Bevor dem Menschen das lineare Denken antrainiert wird, ist hybrides Denken der normale Modus Operandi. Mindestens in den allerersten Lebensjahren. Die Fähigkeit ist also in jedem von uns vorhanden. Es ist lediglich eine Frage des Wollens, ob wir diese Schlüsselkompetenz wieder zum Leben erwecken wollen oder nicht.