(© Melanie Vogel) Wenn man heutige Büroarbeit in einem Wort zusammenfassen müsste, wäre es „Meeting“. Der Meeting-Wahn ist in den letzten Jahren derart gewachsen, dass Kommunikation inzwischen die wichtigste Fähigkeit von Wissensarbeitern ist – wichtiger als Kreativität oder tatsächliche Problemlösung. Doch wie konnte es so weit kommen? Und warum verbringen wir immer mehr Zeit damit, über Arbeit zu reden, anstatt sie zu erledigen?
Allein, aber nie wirklich allein
Seit der Corona-Krise arbeiten deutlich mehr Menschen von zu Hause. Gleichzeitig sind sie – paradoxerweise – noch enger mit ihren Kolleginnen und Kollegen verbunden als je zuvor. Permanente Videocalls, Chatnachrichten und Statusupdates sorgen dafür, dass der typische Büroarbeiter kaum einen Moment wirklich allein ist. Jede Arbeitswoche ist durchsetzt von Meetings, die sich oft über den ganzen Tag erstrecken.
Mehr Meetings, weniger Output
Schon 2016 stellte eine Studie fest: Die Zeit, die Menschen in Meetings verbringen, ist seit den 1990er Jahren um 50 Prozent gestiegen. Und die Corona-Krise hat diesen Trend nur weiter verstärkt. Microsoft untersuchte 2022 anonymisierte Nutzerdaten aus seiner eigenen Software – mit einem erschreckenden Befund: Arbeitnehmer verbrachten dreimal so viel Zeit in Meetings wie vor der Pandemie. Das Ergebnis? Viele erledigten ihre eigentliche Arbeit spätabends, wenn die Meeting-Flut endlich abebbte.
Der Preis der Inklusion
Ein Grund für die Meeting-Explosion liegt in einer neuen Unternehmenskultur: Inklusion. Immer mehr Menschen sollen bei Entscheidungen gehört werden – eine grundsätzlich sinnvolle Entwicklung. Doch jede zusätzliche Stimme bedeutet auch ein zusätzliches Meeting. Besonders große Unternehmen mit komplexen Prozessen und abteilungsübergreifenden Projekten verstärken diesen Effekt.
Ein Beispiel: Wenn ein Onlinehändler seine Rückgabepolitik ändert, braucht es Input von Forschung, Design, IT, Logistik und Management. Jede dieser Gruppen möchte ihre Perspektive einbringen. Das Ergebnis: Meetings ohne Ende.
Die unsichtbaren Zeitfresser
Meetings sind nicht nur zeitfressend – sie unterbrechen auch den Arbeitsfluss. Studien zeigen, dass es nach jeder Unterbrechung durchschnittlich 25 Minuten dauert, bis Menschen wieder vollständig in ihre ursprüngliche Aufgabe eintauchen können. Ein 30-minütiges Meeting kostet also effektiv fast eine Stunde produktive Arbeitszeit. Und in der hybriden Arbeitswelt verschärft sich das Problem: Die Abstimmung, wer wann und auf welchem Kanal erreichbar ist, frisst zusätzlich Zeit.
Fazit: Meetings als Symptom, nicht als Ursache
Sich über Meetings zu beschweren ist nicht neu – aber heute ist die Klage berechtigter denn je. Meetings sind zum Symbol eines strukturellen Problems geworden: In unserer vernetzten, komplexen Wirtschaft ist Kommunikation unverzichtbar. Doch je mehr wir kommunizieren, desto weniger Zeit bleibt für die eigentliche Arbeit. Die Herausforderung der nächsten Jahre wird sein, dieses Paradoxon zu lösen: Weniger Meetings – aber bessere. Weniger Abstimmung – aber klarere Zuständigkeiten. Weniger „wir sollten reden“ – und mehr „lass uns machen“.
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