(© Melanie Vogel) In der heutigen Arbeitswelt wird Beschäftigtsein oft als Auszeichnung verstanden. Wer viele Meetings hat, ständig auf E-Mails reagiert und keine Zeit für Pausen findet, gilt als produktiv. Doch diese Vorstellung ist gefährlich und irreführend. Die wahre Herausforderung besteht nicht darin, möglichst viel zu tun, sondern das Richtige zu tun. Genau hier setzt der Unterschied zwischen echter und oberflächlicher Produktivität an.
Die Illusion der Beschäftigung
Tim Ferriss brachte es mal es provokant auf den Punkt: „Beschäftigtsein ist eine Form von Faulheit: faules Denken und wahlloses Handeln.“ Viele Tätigkeiten dienen eher der Rechtfertigung vor anderen als einem echten Ergebnis. Dazu gehören etwa das häufige Öffnen des E-Mail-Postfachs, das planlose Einstellen von Meetings oder das ständige Umschalten zwischen Aufgaben, auch Task- oder Context Switching genannt. Alles Dinge, die Aktivität suggerieren, aber keinen substanziellen (Mehr-)Wert schaffen.
Solche Tätigkeiten erfüllen kaum die Kriterien echter Produktivität. Sie sind nicht sinnstiftend, fördern keine persönliche Entwicklung und lassen keinen Raum für tiefe Konzentration. Echte Produktivität hingegen, hier als wertorientierte Produktivität bezeichnet, ist klar an individuellen Werten, Kompetenzentwicklung und dem Zustand des sogenannten Flow ausgerichtet.
Was echte Produktivität ausmacht
Wertorientierte Produktivität (engl. Value-Aligned Productivity) ist ein Arbeitszustand, in dem Tätigkeiten im Einklang mit den eigenen Werten stehen, persönliches Wachstum ermöglichen und intensive Konzentration (Flow) fördern. In diesem Zustand kann in einer Stunde mehr erreicht werden als sonst in einem halben Arbeitstag.
Diese Form der Produktivität erfüllt idealerweise drei Bedingungen:
- Sinnhaftigkeit: Die Tätigkeit ist im Einklang mit den persönlichen Werten und Zielen.
- Wachstum: Die Aufgabe fördert Fähigkeiten, Wissen oder Selbstreflexion.
- Flow-Erleben: Man ist vollkommen vertieft, Zeit und Umgebung treten in den Hintergrund.
Achtsamkeit als Produktivitätsfaktor
Ein entscheidender Hebel, um echte Produktivität zu erreichen, ist Bewusstheit. Wer bewusst wahrnimmt, wie und warum er oder sie eine Aufgabe angeht, kann Muster unterbrechen, die nicht zielführend sind. Achtsamkeit entsteht durch Techniken wie Meditation, Journaling oder gezielte Reflexion vor Arbeitsbeginn. Zwei zentrale Ansätze dabei:
- Intention vor der Aufgabe festlegen: „Ich gehe dieses Meeting spielerisch an.“ Oder: „Ich erledige diese Aufgabe mit maximaler Effizienz.“
- Reframing während der Aufgabe: Aus „Diese Aufgabe ist sinnlos“ wird „Ich habe Integrität. Ich erledige, was ich zugesagt habe.“
Diese bewusste Einstellung schützt vor energieraubenden Routinen und ermöglicht eine tiefere, erfüllendere Arbeit.
Flow-Zustand als Indikator für echte Produktivität
Die psychologische Forschung, insbesondere von Mihaly Csikszentmihalyi, belegt: Flow-Zustände steigern die Produktivität erheblich. Menschen in Flow sind laut Studien bis zu fünfmal produktiver. Doch Flow lässt sich nicht erzwingen. Er benötigt günstige Rahmenbedingungen. Hier sind einige entscheidende Merkmale, die den Flow-Zustand von der Standardarbeit unterscheiden:
| Standardarbeit | Flow-Zustand |
| Häufiges Uhren-Checken | Zeitgefühl geht verloren |
| Ablenkungen durch Smartphone | Handy wird vergessen |
| Viele Unterbrechungen und Pausen | Essen und Trinken werden vergessen |
| Ideenfluss stockt | Kreativität fließt |
| Ermüdung nach der Aufgabe | Energetisiertes Gefühl trotz Anstrengung |
| Widerwillen beim Wiedereinstieg | Vorfreude auf die Fortsetzung |
Die Bürokratie der Ablenkung: Warum moderne Arbeitsplätze Flow verhindern
Offene Großraumbüros, ständige Notifications, endlose Meetings und eine Kultur der ständigen Erreichbarkeit: All das steht echter Produktivität im Weg. Um diesem Trend entgegenzuwirken, braucht es bewusste Gegenmaßnahmen, um wieder sogenannte “Deep-Work-Phasen” in den Arbeitsalltag zu integrieren:
- Fokuszeiten blockieren: Im Kalender Zeiten für ungestörte Arbeit reservieren.
- Benachrichtigungen deaktivieren: Smartphone und Tools wie Slack zeitweise stumm schalten.
- Rituale etablieren: Immer zur gleichen Uhrzeit mit der wichtigsten Arbeit beginnen.
- Umfeld gestalten: Türen schließen, Kopfhörer nutzen, Bildschirm leer halten.
Systeme als Diener, nicht als Diktatoren
Viele Produktivitätssysteme wirken wie Fremdbestimmung. Dabei sollten Systeme Werkzeuge sein, nicht Selbstzweck. Folgende Arbeits- und Produktivitätsprinzipien helfen, das Individuum und damit die Produktivität wieder in den Mittelpunkt zu stellen:
- Einzeltasking statt Multitasking: Konzentration auf eine Sache reduziert den sogenannten „Focus-Tax“, also den mentalen Preis für ständiges Aufgabenwechseln.
- Tiefe Arbeit priorisieren: Rahmenbedingungen für Flow aktiv schaffen.
- Individuelles Leistungshoch nutzen: Eigene produktive Tageszeiten identifizieren und gezielt nutzen.
- Externe Aufgaben erfassen: Gedanken und To-Dos systematisch notieren.
- Pomodoro-Technik einsetzen: Kurze, intensive Arbeitsblöcke trainieren die Konzentrationsfähigkeit.
- Soziale Ko-Arbeit nutzen: Gemeinsame Arbeitsphasen fördern das Engagement und organisieren gleichzeitig die Teamzeiten.
- Ergebnisorientierung statt Aktivität: Was wurde erreicht? Nicht: Wie viel Zeit wurde investiert?
- Kleinschrittig starten: Aufbau nachhaltiger Routinen durch realistische Anfangsziele.
Fazit: Wertorientierte Produktivität als dritte Option
Zwischen den Extremen „Hustle Culture“ (immer mehr leisten) und „Work-Life-Balance“ (möglichst wenig arbeiten) bietet die wertorientierte Produktivität einen dritten Weg. Hier geht es nicht um Quantität, sondern um Qualität und Ausrichtung: Arbeiten im Einklang mit den eigenen Werten.
Die Frage ist nicht: Wie kann ich mehr schaffen?
Sondern: Wie kann ich das tun, was wirklich zählt und mir dabei selbst treu bleiben?
Möchten Sie in Ihr humankapital investieren? Dann sprechen Sie uns an.
Verschiedene Work-Hack-Formate vermitteln praktische, zeitsparende und produktivitätssteigernde Tipps und Methoden zur Bewältigung des Arbeitsalltags und zur Verringerung von komplexem Workload.
.


